Montag, Juli 06, 2009

Liebeshummer

Jetzt ist schon wieder was passiert. Gesagt hat keiner was. Zumindest nicht zur rechten Zeit. So konnte später keiner den Finger heben und murmeln: "Ich hab's Dir ja gesagt." Aber das hätte der dann mal früher machen sollen. Weil jetzt Knie wie Hummerscheren. Glutvoll entflammt, Farbe der Liebe und so, Du kennst das ja. Nachdenken hätte auch geholfen, zur rechten Zeit. Wieso auch sollte man die Sonne unterschätzen? Die vergisst doch nicht die Beine, während sie so lustig am Himmel gleißt und die Körper brutzelt, die gemütlich am Kanalrand liegen. Was denkst Du? Aber selbst so die komische Idee. Oder gar keine Idee. Weiß man nicht mehr so genau. Dunkle Erinnerung an: "Bin doch eh im Wasser, und beim Schwimmen Beine doch nicht in der Luft, weil im kühlen Nass." Quatsch. Eigentlich nur Eincremen vergessen. Und nun Liebeshummer an den Knien. Ob Du es glaubst oder nicht.

Donnerstag, Juni 25, 2009

Kunst, Bier, Frauen

Es war wohl das vierte Bier, mit dem der Kumpel sein Zäpfchen in der Kneipe benetzte, als er seine philosophische Viertelstunde bekam. „Wenn man ein Kunststück und ein Kunstwerk kombinieren will, dies aber nicht sehr kunstvoll gelingt, bekommt man dann Stückwerk?“, fragte
er, und Schaumbläschen umkränzten seine Mundwinkel. Niemand antwortete. Und so stürzte er still sein Bier und bestellte ein weiteres. Währenddessen rotierte sein Hirn anscheinend weiter, ehe es die nächste Frage ausgefeilt hatte. Als er der Kellnerin mit schiefem Grinsen den nächsten Humpen vom Tablett griff, fragte er: „Wieso sagt man eigentlich ,das kühle Blonde' und nicht ,die kühle Blonde'? Schließlich ist doch nahezu alles, was wir begehren, weiblich. Und Bier und Frauen sind doch fast dasselbe.“ Schweigen, ehe einer der Freunde sagte: „Ich glaube, Du hast für heute
Abend wirklich genügend Frauen gehabt."

Montag, Mai 11, 2009

Kulturelle Highlights kündigen sich an


Nicht völlig aber ein wenig unbemerkt von der großen Öffentlichkeit hat sich vor einiger Zeit ein feines, rund 300 Seiten starkes Kurzgeschichten-Kompendium auf die Welt geschlichen, das sich "Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch" nennt und das Potenzial für viele vergnügt durchblätterte Abende, anregende Lektüre an sonnigen Sommertagen oder sogar für intellektuell erfrischende Klositzungen hat. Nun gibt es einige der Texte am kommenden Wochenende live zu hören. MC Winkel, Frau von Welt, der Taubenvergrämer, 50OBeine, der Grob und Erdge Schoss werden ihre Stimmen schnurren lassen und höchstselbst die blitzgescheiten Texte vortragen. Wer ganz genau hinhört, kann, wenn der Wind günstig steht, sogar mich hören, wenn ich aus der ostfriesischen Tiefebene, wo ich an dem Wochenende festgetackert bin, ebenfalls ein paar Geschichtchen in die linden Böen hauchen werde. Vor Ort sein kann ich leider nicht, ich kann aber jedem nur raten, sich vor Ort zu begeben und sich das nicht entgehen zu lassen. Wo "vor Ort" ist?

Am Sonnabend, 16. Mai, ab 19.30 Uhr im Raketenclub in Köln und
am Sonntag, 17. Mai, ab 19 Uhr im Café Central in Paderborn.

Mit dabei sein werden auch Victor Vaudeville mit einem Haufen famoser Roberts und mit beschwingtem Takt den Puls beschleunigen.

Hingehen!

Montag, April 20, 2009

Defression?

Tag vergurkt? Liegen Murphys Gesetzeshüter auf der Lauer? Geht schief, was schief gehen kann? Gibt das Leben Zitronen, und es fehlen Zucker und Flaschen, um Limonade draus zu machen? In solchen Fällen knistert gern die Alufolie um Schokoladentafeln, und der Gepeinigte futtert Tafel um Tafel, um mit Hilfe der Glückshormone dem Mist des Alltags ein wenig vom Schrecken zu nehmen.

Frustfressen.

Aber: Schleicht jemand gar über Monate oder Jahre hinweg depressiv durch die Tage, senkt den Blick, lässt Schultern schlaff hängen, hat tränenwunde Wangenn und bring die größte Zeit des Tages mit Mampfen zu: Nennt man das dann eine ausgewachsene "Defression"?

Freitag, Februar 27, 2009

Seltsame Freunde (II)

Gebückt auf dem kalten Stein kriecht der Maskierte die Stufen entlang und wischt die verzahnten Deckelhügel abwärts, wie ein Sträflingshelfer auf einer archäologischen Ausgrabung, der einen Fund freilegen möchte. Doch seinen Freunden geht das Fegen zu schnell. Sie schnappen sich Plastikkehrbleche, tauchen sie in die hinabpurzelnden Kronkorkenberge und schmeißen sie auf die just freigebürsteten Stufen zurück. Wulnikowski buddelt mit in der linken Manteltasche nach einem Hustenbonbon, der einen Tag zuvor noch darin gelegen hatte. Doch die Finger ertasten nur ein Taschentuch und den Haustürschlüssel. Währenddessen fragt Wulnikowski sich, was der bedauernswerte junge Mann mit der Gummimaske wohl verbrochen haben mag, dass ihn diese grinsende Gruppe fesselt, vor dem Rathaus aussetzt und ihn mit einer Nagelbürste inmitten von Kronkorkenbergen niederknien lässt. Vorerst will er abwarten, vielleicht erschließt sich die Lösung der Frage von selbst.

Wohl weitere zehn Minuten lang hockt der Maskenmann auf den Stufen, die Arme mit Handschellen vor dem Bauch gefesselt, und schrubbt mit der Bürste über den Stein. Dann scheint ein wenig Gnade in den zuvor hämisch grinsenden Gesichtern seines Gefolges aufzublitzen, vielleicht ist es aber auch nur Erwartungsfreude. Wulnikowski ist unsicher. Zumindest richtet der Maskierte sich auf und raunt dumpf durch die Maske, dass das Gefolge sich gern auf seine Kosten betrinken möge. Die Meute johlt, schart sich um eine Bierkiste und zwei Glühweinthermoskannen, die zuvor herbeigebracht wurden, und beginnt sich die Zäpfchen zu feuchten. Als vermeintlicher Lohn werden dem Gefesselten seine Handschellen abgenommen und ein Bier gereicht, für das er kurzzeitig die goldene Gummimaske hochklappen darf, um den Flaschenhals am zotteligen Bartgestrüpp vorbei an die Lippen zu führen.

Einer aus dem Gefolge, ein dürrer Schlacks mit hellem Schnurrbart, ruft aus, der Maskierte habe die erste Stufe auf dem Weg zum „Fegi-Ritter“ erreicht. „Vielleicht ist das eine Art Abschlussprüfung“, denkt Wulnikowski Das Gefolge johlt und drängt die biertrinkende Goldgummimaske, nicht inne zu halten, es bleibe noch viel zu fegen.

Und so kniet er wieder nieder, kann sich nun mit einer freien Hand abstützen und schrubbt weiter mit den winzigen Borsten der Nagelbürste über kalten Stein, wischt die Stufen frei von Kronkorken und sein hämisches Gefolge macht sich einen großen Spaß daraus, frisch freigelegte Stufen erneut mit Hilfe der Plastikschäufelchen wieder vollzuschütten. Bei einem Schaufelwurf tritt der Maskierte der Schaufel abwehrend mit dem Fuß entgegen. Sie zerbricht.

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Hamburg, meine Perle










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Mittwoch, Februar 18, 2009

Zu spät. Ein Hinterherwinken, traurig.


Den Mut nicht tröpfchenweise sammeln, zögern, abwägen, durchgrübeln, sondern alle verfügbare Kraft zusammenkratzen, um den Schopf der Chance zu packen, wenn sie für Momente auftaucht. Nachdenken hilft oft, bringt nicht selten klügere Resultate als der Impuls, und doch birgt es Gefahren, zu erstarren, sich in den Umlaufbahnen der Hirnschleifen zu verlieren und das Handeln zu vergessen. Hallo Hamlet. Das von Gorbatschow überlieferte Wort hat mich einmal mehr erwischt: „Wer zu spät kommt…“

Als ich nach Jahren endlich wieder nach Hamburg kam, war er bereits in den Süden gezogen. Nach Hause, fort aus dem steilen Turm hoch über der Reeperbahn. Gründe, vorher nicht gereist zu sein, gab es. Fehlendes Geld während der Studienzeit war einer davon. Und so habe ich ihn nie persönlich treffen können. Dennoch waren wir uns über Jahre verbunden, mit – vor allem von seiner Seite – geradezu rührendem Wohlwollen und Großherzigkeit.

Als der Job kam und begann, die Zeit zu fressen, die Augen nach Feierabend beinahe achteckig waren vom Starren auf flackernde Monitore, schwanden allzu oft auch Kraft und Muße, hier und in den liebgewonnenen Nachbarschaften sich zu tummeln. Technischer Internetentzug spielte hinein. Ein Rückzug auf leisen Sohlen, wenngleich nie eine Abkehr. Doch wer weniger liest, bekommt weniger mit. Viel zu spät habe ich von seinem Krankheitsschlag erfahren.

Ein lieber Genesungsbrief wuchs schnell, doch wollte ich noch feilen, überdenken, es noch besser machen, und so blieb er unvollendet eine Weile liegen, bekam immer wieder zärtliche Zeilen hinzu, unnötiger Perfektionismus und Erschöpfung nach Feierabend waren das Doppel, das der Entscheidung zum Abschicken Fesseln anlegte. Der Brief ist noch da, doch inzwischen hat der Herr den Adressaten zu sich geholt. Ein weltliches Ziel wird das Schreiben nicht mehr finden. Allein dass dem so ist, habe ich abermals viel zu spät entdeckt, zu Lebzeiten nicht mehr vermocht, Adieu zu sagen. In einer stillen Stunde wird eine Himmelslaterne mit guten Wünschen aufsteigen. Hau rein Opa, hab es gut, hoch über den Wolkenmeeren! Hummelhummelmorsmors.



Adieu. Und hier kommt Dein Abschiedslied.

Dienstag, Februar 10, 2009

Seltsame Freunde (I)

Eisige Regenfäden durchweben den Blick in die verschachtelten Gassen der Altstadt unterhalb des Rathauses. Streusalzkörner knirschen unter den Schuhsohlen, und Wulnikowski presst die Lippen aufeinander. Er hat seine Mütze vergessen. Nun landen halb gefrorene Tropfen in seinem Nacken und perlen den Nacken hinab. Flüchtige Gestalten ducken sich unter Schirme, verbergen ihre Gesichter in eng zugezogenen Kapuzen und huschen vorwärts. Es ist Sonntagnachmittag, die Geschäfte sind geschlossen, auch kein offenes Café in Reichweite. Wulnikowski stellt sich unter - im Eingang eines Schlachtergeschäfts. Zwei Fliegen tanzen in der Auslage auf einer beilzerteilten Keule, als ein Kleinwagen aus einer Seitenstraße biegt und direkt vor dem Rathaus parkt.

Zwei junge Männer mit struppigen Oberlippenbärten steigen aus, öffnen die Kofferraumklappe und zerren wohl fünf prall gefüllte, graue Müllsäcke heraus, die sie die Rathaustreppen hinauf hieven. Auch eine Bierkiste wuchten sie an den Fuß der Treppe. Dann öffnen sie die Beifahrertür und ziehen eine dritte Person heraus – fast zwei Meter groß, die Hände mit Handschellen gefesselt, das Gesicht unter einer goldenen Gummimaske verborgen. Sie erinnert Wulnikowski ein wenig an „C3PO“, den watschelnden Roboter aus den Star-Wars-Filmen.

Aus anderen Gassen kommen zwei weitere junge Männer und drei Frauen hinzu, umstellen den Maskenmann, bleiben stehen und lachen. Dann klettern die zwei Erstgekommenen die Treppe erneut hinauf und reißen einen Müllsack nach dem nächsten auf. Abertausende kleiner Kronkorken und anderer Flaschendeckel klirren und klappern, als sie treppabwärts stürzen und in kleinen Hügelketten auf den Stufen liegen bleiben. Wulnikowski reibt sich die Schläfen, kräuselt die Stirn, und er wundert sich umso mehr, als die goldene Gummimaske nun die Treppe hochkraxeln muss, dort eine winzige Nagelbürste in die Hand gedrückt bekommt und plötzlich niederkniet, um mit den kurzen Borsten die Blechdeckel abwärts zu fegen.

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Mittwoch, Januar 21, 2009

Ein Quantum Toast


Teller sind eine Randerscheinung.

Dienstag, Dezember 02, 2008


...und verblutend am Elbstrand, die Getränke sind alle...

Mittwoch, November 26, 2008

Erkältungen bewirken seltsame Hirnregungen. Geträumt, ich sei Barry White, habe ein Konzert auf der Köhlbrandbrücke gegeben, und dicke, dauergewellte Rentnerinnen wollten mich von der Bühne zerren.

Samstag, November 15, 2008

Zweifel, plötzlich.

Es gibt Momente, in denen wachsen Zweifel. Selbst wenn man sie rasch relativiert. Gemeinhin wuselst Du frisch und fit durch den Tag, und Du redest Dir unbeirrbar ein, noch mindestens jung und knackig zu sein. Auch im Hirn windet es sich gemeinhin geschmeidig. Und doch. Gerade nach harten Tagen senkt sich gern ein trüber Schleier über das Bewusstsein. Die Wahrnehmung ähnelt einer Satellitenschüssel bei schwerem Gewitter - hier und da dringt ein Signal durch und ein Bild flackert auf, ansonsten fegen blickdichte Schneewehen, krisselt das Bild, rauscht und zerrt es. Wie benommen schlurft man dem Feierabend entgegen. Ansätze von Gedanken zerfließen, wabern, mäandern ziel- und formlos, bevor sie greifbar werden. Die Schaltstationen im Hirn sind auf Standby geschaltet.

Beim Einkaufen hast Du Dich viermal daran erinnert, noch Schinkenwürfel kaufen zu wollen, biegst aber immer wieder in einen anderen Gang des Supermarktes, füllst den Einkaufswagen mit Dingen, die gar nicht auf der Liste standen - Fruchtgummi, Müllsäcke, Mango-Lassi oder Risotto-Reise. Am Ende räumst Du zig Sachen in den Kofferraum, merkst zu Hause angekommen aber, dass Du die wichtigsten Dinge vergessen hast, obwohl Du Dich doch noch mehrfach daran erinnert hast. Nix zu machen. Und am nächsten Morgen frühstückst Du, leicht matt, ein wenig angegrippt. Die Minuten zerrinnen, noch einen Schluck Kaffee, noch einen letzten Bissen Schwarzbrot mit Honig. Blick auf die Uhr: Huch, getrödelt. Eile ist geboten.

Jacke über, den Autoschlüssel gegriff... Moment. Der war doch gleich wo? Sonst steckte er doch immer. Gut. Dann also woanders. Aber wo? Auf dem Küchentisch? Nein. Im Mülleimer? Das wäre ja noch schöner. Im Bad? Nix zu sehen. Hattest Du gestern eine andere Hose an? Ja, aber der Hosentascheninhaltstransfer verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Sofa? Schreibtisch? Auf den Unterlagen? Unter den Unterlagen? Nix. Nirgends. Irgendwann dämmert Dir Böses. Eine letzte Idee. Du rennst nach draußen auf die offene Straße, wo Dein Auto parkt. Momente später schlägst Du Dir vor den Kopf, greifst Dir ans Herz, seufzst erleichtert auf. Und dann wachsen die Zweifel. Wie viel an den Ideen vom Jung- und Frischsein wohl dran gewesen sein mag, wenn man es schafft, den Autoschlüssel eine Nacht lang auf offener Straße im Kofferraum stecken zu lassen?

P.S.: Bevor ich es vergesse: Heute Abend ist wunderbare Lesung in Ginsheim, zu der ich leider aus Gründen nicht kommen kann. Hier können Neugierige aber das literarische Kleinod kaufen, das heute abend welturaufgeführt wird. Unter anderem finden sich darin mehrere Geschichten mit einem Herrn namens Wulnikowski, es gibt Großstadtdiamanten und klappernde Verkehrsschilder unter Zugtischen. Es gibt Damenausflüge im Zug und Zuckerkrümel auf Küchentischen. Wer mag, ist herzlich eingeladen, das Wagnis auf sich zu nehmen, "Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch" zu bestellen. Ich glaube, es lohnt. Ich selbst werde es mir auch besorgen. Und an einem Tag mit lichteren Momenten im Hirn durchlesen.

Mittwoch, November 05, 2008

Ein ungeschehener Morgen

Ich bin so seifenmüd' erwacht
Ich reibe mir die Augen.
Nach dieser allzu kurzen Nacht.
Sehnt nichts in mir nach Laugen.

Mein Laken gähnt und räkelt sich,
sagt: Musst Du selber wissen.
Ein Hemd raunt: Dich - so schmuddelich -
will ich nicht tarnen müssen.

In meiner Seele tobt ein Satz:
"Ich will das Bett nicht räumen!
Will lieber hier an diesem Platz
noch Stunden weiter träumen."

Dienstag, November 04, 2008

Frisch gebucht

Mitten in die Stille kommt der Knall. Gewissermaßen. Zumindest gibt es Neuigkeiten, nachdem hier in den vergangenen Wochen nur Unsichtbares passiert ist. Hinter den Kulissen. Am kommenden Montag, 10. November, wird ein bisher noch nicht dagewesenes Buch namens "Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch" aus seinem Versteck hervorkommen und da sein.

Es ist rund 320 Seiten starkes Werk, in dem Kurzgeschichten von sieben Netzschreiberlingen vereint sind. Darunter auch knapp 30 Geschichten, die ich beitragen durfte. Hinzu kommen hervorragende Beiträge von MC Winkel, Frau von Welt, dem Grob, dem Taubenvergrämer, Herrn Erdge Schoss und dem famosen Herrn mit den 500 Beinen.

Die Geschichten sind nun ohne Netz und Doppelsteckdosen lesbar, manche von ihnen hat es in dieser Form im Internet auch nie gegeben.

Sie sind rasiert, entfilzt, entlaust worden, Falten sind geglättet worden, Speck wurde abgesaugt, sie wurden neu gefönt und geschminkt und sind somit, falls es sie je vorher gab, doch ganz anders - wahrscheinlich spannender und besser, vor allem aber in dieser Form mit ins Bett zu nehmen, können im Schein der Nachttischlampe, hinterm Fenster während trüber Herbstabende gelesen oder als Geschenk unter den Weihnachtsbaum gelegt werden.

Am 10. November erscheint das Werk, am 15. November gibt es auch die Premieren-Lesung in Ginsheim (siehe Banner rechts), auf der ich selbst leider verhindert bin.

Und heute gibt es nicht nur diese Neuigkeit zu verkünden, es gibt auch einen ersten optischen Vorgeschmack. Ein Trailer, der den neuen Bond beinahe (wenngleich nur beinahe) in den Schatten stellt. Dafür dürfte "Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch" literarisch die interessantere Variante sein. Wer eins (oder mehrere) bestellen mag, kann sich gern hierhin wenden.

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Donnerstag, Oktober 09, 2008

Wenn der Sturm

Nun, da der Herbst sich senkt, umklammern die Hände den Kaffeebecher fester. Füße schlüpfen in Wollsocken, Blätter rascheln über den Boden, Nebelschwaden verhüllen die Weiden. Herr, es ist Zeit. Zeit auch, einmal wieder einen Musiktipp hervorzuziehen. Zartschmelzend, traumschön und leise schweben Lewis & Clarke durch ihre feinen Songs. Balladen, die sich sachte aufbäumen, Traumfäden spinnen, die Sterne vom Himmel holen und sachte auf reglose Wasserspiegel legen. Das Album "Blasts of holy birth" ist hier leider immer noch nicht erschienen. Umso mehr: Reinhören! In Before it breaks you, in We think we have eyes und in die komplette, grandiose Daytrotter-Session. Für stille Abende, wenn der Sturm draußen das Land zerzaust.

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Sonntag, Oktober 05, 2008

Großstadtdiamantendutzend, geschossen (II)

Donnerstag, Oktober 02, 2008

Großstadtdiamantendutzend, geschossen

Dienstag, September 23, 2008

Berliner Luftveränderung


Dieselbe Wohnung, dieselbe Gegend, seit Tagen, seit Wochen. Allzu gewohnter Alltag. Kühe grasen, wie Mohnkrümel auf riesige Wiesenweiten gestreut, Schafe blöken auf den Deichen vorbeituckernde Schiffe an, Wolken ziehen über den Horizont, Backsteinhäuschen kauern sich aneinander. Im Gemüsegarten reifen Bohnen. Trecker tuckern, Windräder kreiseln, Wallhecken, gemütliche, eingefahrene Idylle mit geblümten Scheuklappen. Vor dem Einkaufszentrum dreht sich ein Kinderkarussell. Blumenkohl und Schweinegulasch sind im Sonderangebot. Konfektionierte Gesichter begegnen sich in kleinen Fußgängerzonen. Bänker mit bravem Seitenscheitel essen mittags holländische Pommes. Die Erntekönigin aus Wiesmoor bekommt Sonderseiten in der Zeitung, der Schützenkönig gibt eine Runde Cola-Korn aus. Zinnteller zieren Schrankwände in Wohnzimmern. Teenies tummeln sich an der einzigen Bushaltestelle im Dorf, lassen frisierte Mofas aufheulen, werfen Kippenstummel ins Gebüsch. Mit Eddings kritzeln sie Liebesschwüre für die Ewigkeit an die Waschbetonwand des Wartehäuschens. In zwei Wochen werden sie die Namen durchstreichen, aus, vorbei, die Ewigkeit währte kurz. Kaum etwas überrascht. Fast alles kennst Du, bist hier aufgewachsen und zurückgekehrt, bist schon viel zu gewöhnt daran. Die Decke sinkt, droht auf den Kopf zu fallen. Raus. Und endlich hast Du ein paar Tage frei. Urlaub. Die Chance.

Prag? War der Plan. Lange angedacht, kurzfristig zersplittert. Aus Gründen. Du wiegst und sortierst Ideen, suchst Möglichkeiten. Berlin? Berlin. Ein erstes Vorfühlen am Donnerstag, ein Anruf am Freitag. „Wenn Du Lust hast, steig gleich in den Zug. Passt.“ Koffer auf, Koffer zu. Eine Dreiviertelstunde später sitzt Du im Zug, knapp fünf Stunden später schiebt sich der Zug durch die ersten Hinterhöfe des süßen Molochs. Lehrter Bahnhof. Die Hauptstadt empfängt mich mit verwirrend verschachtelten Rolltreppen unter Stahl und Glas.

Neonreklamen flackern. Gleichförmige Trauben quetschen sich treppauf- und treppabwärts, beschleunigen, drängen sich vorbei, bremsen, fließen durcheinander, verabschieden sich, winken, fallen sich in die Arme. Pfennigabsätze klackern auf Beton, Turnschuhsohlen schmatzen, Münzen klimpern, ehe sie in Getränke-Automaten verschwinden, Verspätungs-Ansagen krähen blechern aus Lautsprechern. Tausende Stimmen murmeln, hallen wider, verwischen sich – eine wabernde Wolke, aus der sekundenweise Fetzen hervorragen und hängen bleiben, Wortbruchstücke fremder Gesichter, die Du womöglich nur in dieser einen Sekunde Deines Lebens sehen wirst. Selbst wenn man sich immer zweimal sieht.

Ausgehungert und dürstend bist Du, verschlingst und säufst die Stadt von der ersten Sekunde an. Gierig. Die Augen aufgerissen, die Ohren weit offen. Volltanken, bitte!
„Vielleicht habe ich die Einöde unterschätzt, den Schritt zurück in die Provinz, woher ich komme“, denkst Du und stehst immer noch mit offenem Rachen da, unersättlich, geil auf den großen, grellen Moloch, auf sein rastloses Pulsieren, seine dreckigen Fantasien, seine hinterlistigen Verstecke, sein janusköpfiges Schillern und seinen wilden Wandel. Als hättest Du Dir die Augenlider weggerissen, alle Schotten geöffnet, als hätte der ruhige, gemächliche Fluss Deine Vernunft übersättigt. Zu viel Torte macht Heißhunger auf Scharfes, Salziges. Zu viel Sanftmut macht rappelig, lässt das Berstende, Krachende, das beständig Unbeständige magnetisch werden, den Rausch nach der Vernunft, die Gier nach Ausgleich der Kräfte, nach glutvollem Baden im Gegenteil, ekstatischem Zucken voller Macht. Schleudertrauma, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Sonntag, August 31, 2008

Mitfühlen ist gruselig


Ich glaube, ich werde nach Hause gehen und das Ganze nochmal durchgrübeln, bevor ich es meinen Hals hinab pfropfe. Endlich ist es abgestürzt, und seine kolossale Masse ist in meinem Burggraben in Stücke zerbrochen.

Hebe die Matratze vom Boden, löse die Krämpfe bei einem Spaziergang, streune durch die Kälte. Ein Hoch auf Deine dunkle Haut, die verdeckt, dass Du wieder gestorben bist, Schatten suchend unter den Hochspannungsleitungen. Weit über unseren Köpfen sind die eisigen Höhen, die alle Vernunft umfassen.

Es ist eine köstliche Mischung aus Worten und Tricks, die uns wetten lässt, wann Du erkennst, dass wir uns auf den Felsen ausfalten sollten, von denen ich geträumt habe, dass wir dorthin gestolpert sind, und das gesamte Gewimmel von Straßen, auf denen wir jetzt unterwegs sind.

Erhebe Dein Glas und halte es, betrüge nie den Weg, von dem Du immer gewusst hast, dass er es ist. Eines Tages werde ich mich wundern, wie ich so alt werden konnte, verwundert darüber, dass ich nicht friere - nackt im Schnee. Das ist fernab meiner leisen Sorge, herablassend zu sein. All diese zwitschernden Vögel werden keine Ruhe geben, nichts bauen, nur Steine legen.

Dienstag, August 26, 2008

Yip yip!

Montag, August 18, 2008

Der neue Nachbar



Unlängst dachte Wulnikowski, das alte Fernseh-Walross "Antje" sei über ihm eingezogen. Wenige Tage vorher hatten Dutzende Kisten im Flur gestanden. Es rumpelte ein Stockwerk höher. Irgendwer bohrte und schraubte. Wenige Tage später goss es. Draußen hätte man kleine Bahnen durch die Pfützen neben dem Bordstein schwimmen können, stundenlang hatte es wild geschüttet, doch "Antje" floh in den Hausflur und troff dort, anstatt sich im kühlen Nass zu tummeln. Hetzte an ihm vorbei, schüttelte Tropfen aus dem Bart, der schlaff die Wangen herab hing.

Kurz darauf schlich Wulnikowski sich treppaufwärts. Keine "Antje" auf dem Klingelschild. Gar kein Name stand dort. Auch tropfte nichts durch die Zimmerdecke. Eine Woche später dann, schien es, als habe sich das Walross in den alten Habsburger Kaiser Franz-Josef I verwandelt. Mit Manneszier, die sich beide Backen hinaufschwang, mit echtem Waffenrock und Monokel in der Augenhöhle. War der Flur zur Zeitmaschine geworden? Zumindest stand auch "Franz-Josef"n nicht am Klingelschild. Gar kein Name stand dort. Der neue Nachbar blieb geheim - bis Wulnikowski eines Tages die Zeitung aufschlug und las, dass ein "Hans-Peter" den ersten Preis im kaiserlichen Backenbart beim Barbier Buchholz-Cup in Buchen (Baden-Württemberg) gewpnnen hatte. Allem Anschein nach, war er doch kein Fernseh-Walross. Doch wie er war, wollte Wulnikowski bald herausfinden.

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Donnerstag, August 14, 2008

Sometimes there's a quicker fish

Eine Dame, die mir sehr am Herzen liegt, wurde im vergangenen Jahr zugleich verblüfft und auch ein bisschen traurig. Seit Jahren wuselte die Idee durchs Kleinhirn, einen Tischdönergrill zu erfinden. Plötzlich sah sie einen ebensolchen in einem Schaufenster in einer kleinen Stadt. Jemand anders war schneller - zumindest in der Umsetzung. Niemand wird je wissen, wer die Idee früher hatte. Joseph Matthias Hauer wird inzwischen auch zugebilligt, die Zwölftonmusik erfunden zu haben. Womöglich zu Recht. Den Erfinder-Ruhm dafür hat dennoch Arnold Schönberg geerntet. Vielleicht gab es auch weit oder kurz vor ihm noch jemand anders, der zumindest die Idee früher hatte. Wer mag es sagen? Und auch mir sind wohl hunderte Ideen in den Kopf gesprungen, die sich erstaunlich, brandneu und taufrisch angefühlt haben. Manche von ihnen geistern schon mehrere hundert Jahre über diese Welt, wie ich irgendwann herausgefunden habe. Passiert. Schön, dass ich die Ideen trotzdem hatte.

Im Netzzirkuszelt wird die Suche nach Huhn und Ei vermeintlich origineller Einfälle zuweilen verbissener geführt. Hier und da erstaunt mich, wie gereizt mancher reagiert, und wie kränkbar manch andere Seite sich gibt, wie viel oft vor irgendwelchen Türen gekehrt wird - wessen auch immer es sein mögen. Wie viele Leute moralische Zeigefinger erheben und mit welchem Herzblut Stellungs- und Grabenkämpfe gefochten werden, die nicht abreißen. Glashäuser, Steine, Leute die sich im Dunkeln ausziehen oder es sollen. Nun.

Ich mag kein Blogger sein, weil mir der Klang des Wortes missfällt. Zugleich tue ich seit geraumer Zeit das, was Blogger gemeinhin mehr oder weniger regelmäßig tun. Und ich tue es gern. Dasselbe gilt für mich, wenn ich Dinge tue, die Menschen zugeschrieben werden, die man Journalisten (den Wortklang mag ich immerhin ein bisschen mehr) nennt. Wie genau man mich nennt, ist mir egal, so lange mir Spaß macht, was ich treibe. Wenn man meint, differenzieren oder in Lager spalten zu müssen, bin ich ein Zwitter. Irgendwie. Wobei die Schattierungen beider Phänomene so ausdifferenziert sind, dass die Schublade schnell klemmt. Und auf beiden Seiten gibt es hervorragende Vertreter und miese; welche, denen ich gern höchsten Respekt zolle und andere, bei denen dies anders ist. Mich ermüdet solch Gezänk manchmal. In letzter Zeit ist die Freizeit knapper geworden. Letztens dachte ich, ich hätte einen guten Weg gefunden, meine Freizeit effektiver und angenehmer zu nutzen. Ich glaube irgendwer ist denselben Weg schon vor mir gegangen. Ich weiß nicht, wer es vielleicht war. Wüsste ich es: Ich würde demjenigen wahrscheinlich keine Mail schicken.

Montag, August 11, 2008

Moltkestraße 1, Zweiter Stock rechts

"Ich mag es nicht, wenn meine Haare verknoten", sagt Iri, sucht einen Kamm, findet aber nur ein Buch über Tintenfische. Sie vergisst die Haarknoten, blättert und quiekt: "Wem gehört das Tintenfischbuch hier? Ich will ein Tintenfisch sein." Zarah schlurft herein, Kippe im Mundwinkel, eine Lupe in der Hand. "Wieso willst Du ein Tintenfisch sein?" "Tintenfische können die Farbe ihrer Umgebung annehmen, obwohl sie farbenblind sind." "Und Du möchtest gern farbenblind sein?" "Äh... nee. Stimmt. Aber ich wär' gern ein Farbenwandler." "Wer sich wandelt, ist ein Opportunist." "Oder flexibel." "Papperlapapp. Sag mal, bist Du diese Woche nicht dran mit Badputzen?" "Ich? Oh. Ich dachte, wir wär'n da flexibel." "Geht so. Ich meine nur, weil da inzwischen Staubflocken liegen, die sogar als Tintenfische auffallen würden, wenn sie die Farbe ihrer Umgebung annähmen." Iri stockt. "Mach ich gleich. Aber hast Du meinen Kamm gesehen? Ich mag es nicht, wenn meine Haare verknoten." "Ach ja. Den hab' ich gestern kaputt gemacht. Ich bin mit Ronni Gassi gegangen, der hat sich in einer Pfütze gerollt, in der zwei Kaugummis lagen, und die klebten hinterher im Fell fest. Da wollt ich die mit Deinem Kamm rausfriemeln, aber die waren hart und Dein Plastikkamm brüchig, und nun ist Dein Kamm im Müllsack, unten auf der Straße." "Ey, das war'n Geschenk. Nimm doch Deinen eigenen." "Hab ich nicht gefunden." Zarah zieht an ihrer Zigarette, Iri verzieht das Gesicht. "Doof. und was machst Du mit der Lupe?" "Ich suche meinen eigenen Kamm." "Erfolglos?" "Ja." Doof." "Stimmt. Auch das mit dem Bad." "Das auch, ja. Und doof, dass ich kein Tintenfisch sein kann."

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Freitag, August 08, 2008

Omas Teich / Fest van Cleef

Drei Tage lang bebte das winzige Kaff Ulbargen, rechts der Bundesstraße zwischen Leer und Aurich. Die Windräder ließen sich nicht beirren von Ostfrieslands größtem Rockfestival. Hier ein paar Schnappschüsse (wegen hartem Runterrechnen leider ein wenigpixelig geworden).



Kettcar



Reimer Bustorff (Kettcar) zupft sich um Kopf und Kragen.



Tu immer, was Dein Herz Dir sagt, und begrab es in der Biegung des Flusses" - Marcus Wiebusch (Kettcar)



Reimer rockt.



Aydo Abay (Blackmail) als Gegenlichtgestalt.



Aydo's got the blues (oder so).



Helge Omen Kaizer - das Tastenungeheuer der norwegischen Polkatrolle.



Janove Ottesen (Kaizers Orchestra) steht über vielemn.



Die Orgel riecht muffig. Vorsichtshalber die Maske aufsetzen.



Keith Caputo ist kaputt.



Luftblasen.



Rotze Santos (Turbostaat) rockt.



Jan Windmeier (Turbostaat) schreit, aber nicht den Namen seiner Mutter.

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Mittwoch, August 06, 2008

Und sogar im selben Zug

Wie unzählbar viele Häuser und Wohnungen in tausenden von Städten wir doch Zeit unseres Lebens nie betreten. Und auch die Menschen, die darin leben oder sporadisch oder häufiger ein und aus gehen in den Wohnungen, werden wir nie treffen und nicht hören, welche Geschichten sie erlebt haben und sie bewegen. Weil wir sie nie gekannt haben, vermissen wir sie nicht, wie wir uns nicht nach Dingen sehnen, von denen wir nichts wissen und von denen wir insofern keine Vorstellung haben.

Tausende Menschen huschen in den Städten an uns vorbei – auf dem Bürgersteig, in U-Bahn-Schächten, auf verschlungenen Parkwegen, zwischen Kleiderständern in Einkaufsmeilen oder Behördenfluren. Und über unseren Köpfen sitzen manche von ihnen hinter Fenstern in Räumen, von denen wir den Großteil nicht einmal vom Hörensagen kennen, und höchstens Schilder – aus Blech neben Hauseingänge geschraubt – berichten knapp davon, was dort vielleicht zu finden sein wird. Eine Frauenarztpraxis oder eine Anwaltskanzlei für Schuldrecht oder ein Nagelstudio. Und vielleicht sind Bruchstücke der Räume zwischen den Fenstersprossen sichtbar, und vielleicht blickt jemand herab und drückt sein Gesicht kurz an die Scheibe und betrachtet die dahinfließenden Menschen unterhalb.

Und die wenigsten nehmen wir wahr, und vielleicht nehmen noch viel weniger der vorbeihuschenden Menschen uns wahr. Für Sekunden durchstreifen wir ihre aktuellen Geschichten, die ineinander verwoben sind, für Augenblicke überschneiden sich unsere und deren Gegenwart, und doch merken wir es gar nicht, oder stellen erst viel später fest, wie seltsam verwoben doch alles ist, wenn wir einen oder zwei der Menschen auf völlig anderem oder ähnlichem Wege kennen lernen und bemerken, dass wir seit Jahren aneinander vorbei gelebt haben, obwohl schon weit eher die Chance bestanden hätte, sich kennen zu lernen.

Vielleicht fahren wir mit dem Zug an einem der Häuser vorbei und erhaschen einen flüchtigen Blick in die Küche, wo vielleicht gerade ein Wellensittich allein durch seinen Käfig hüpft, weil die Frau des Hauses noch schnell zum Markt geeilt ist, um Suppengrün zu kaufen. Denn wenn ihr Mann von der Arbeit heimkommt – vielleicht ist er Maschinenschlosser und trägt einen blonden Schnurrbart über wulstigen Lippen – wünscht er sich etwas Warmes auf dem Tisch, und er mag gern Erbsensuppe mit dicker Wursteinlage.

Vielleicht sitzt aber auch eine alte Dame hinter gerüschten Gardinen hinter dem Fenster, streicht mit dem Zeigefinger eine gefärbte Haarsträhne aus ihrer faltigen Stirn, nippt an einem Cognac, obwohl es noch Vormittag ist, und denkt an die Jahrzehnte zurück, als sie noch jung und knackig war und ihr die Herzen der Männer zuflogen, als sie mit wehendem Rockschoß über den Prachtboulevard der Stadt flanierte und ihren Rücken ein wenig ins Hohlkreuz drückte, damit ihre Brüste noch üppiger erschienen. Heute sammelt sie vielleicht Porzellanputten oder stickt Ansichten des spätgotischen Rathauses, und es hängen selbstgehäkelte Topflappen an Metallhäkchen über der Spüle.

Womöglich bekommt sie nur noch selten Besuch. Und womöglich weiß niemand, dass sie kaum hörbar Schlaftabletten schluckt, weil sie häufig nachts wach liegt, und Erinnerungen an die Vergangenheit sie quälen, oder die traurige Gegenwart sie nicht schlafen lässt. Im Flur riecht es vielleicht nach Patschuli, und jeden Sonntag zur gleichen Zeit zieht sie die Standuhr aus Eichenholz auf, wischt zärtlich über das Ziffernblatt und küsst danach das vergilbende Hochzeitsfoto ihres längst an einer Lungenentzündung verstorbenen Gatten, der seine Parade-Uniform der Wehrmacht zur Feier des Tages angezogen hatte.

Vielleicht aber wohnt die alte Dame schon längst nicht mehr in der Wohnung, wenn wir vorbeisausen mit dem Zug, und längst sind neue Mieter eingezogen, die ihren Kaffee in einem zischenden und gurgelnden Chromklotz kochen. Die kinderlos bleiben wollen, einen großen Sportwagen fahren und die Küchenwände in mintgrün und orange gestrichen haben. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders. Wir bekommen es nicht mit, denn wir bekommen keinen Einblick. Wissen nicht, ob eine Schrankwand aus furnierter Fichte an der Stirnwand des Wohnzimmers steht und ob die Sesselgarnituren aus mattbraunem Leder oder rotem Rattan sind. Ob Ölgemälde von Schwarzwaldhütten und gestellte Familienfotos an den Wänden hängen, oder vielleicht ein Kunstdruck der „Entschwebenden Klänge“ von Max Ackermann oder ein Poster von Jim Morrison. Und wir wissen nicht, wie die Kinder aus dem Stock darüber heißen, die womöglich im Treppenhaus toben und sich in der Pubertät zanken und monatelang nicht mehr miteinander reden – falls es sie an der Stelle denn gibt.

Und sogar im selben Zug, in dem wir vielleicht fahren, sitzen hunderte anderer Menschen, von denen wir nicht wissen, die ohne Vorwarnung einsteigen, kurz verbleiben und wieder entschwinden, ohne dass wir mit ihnen gesprochen und von ihnen erfahren haben, was sie bewegt. Jeden von ihnen könnten wir ansprechen, wenn wir uns ihnen näherten, und dann könnten wir einen Bruchteil ihrer Geschichte erfahren, falls sie denn erzählen, und immer würden sie viele Details aussparen und wir würden nie die gesamten Zusammenhänge erfahren. Und vielleicht würden wir uns auch langweilen, weil sie gar nichts zu erzählen haben, was uns interessiert, oder sie würden uns anekeln, weil sie anscheinend seit Wochen darauf verzichtet haben, sich die Zähne zu putzen und sauer aus dem Mund riechen.

Vielleicht würden sie auch davon erzählen, dass sie einen Kleinwagen mit Wimpern über den Scheinwerfern fahren oder dass der Bruder in seiner Jugend in der linken Gesichtshälfte mehr Pickel hatte als rechts, und wir würden uns langweilen und heimlich verfluchen, solch eine öde Nase ohne Not in ein Gespräch verwickelt und uns darin gefangen zu haben. Vielleicht würde das Gegenüber aber auch davon erzählen, dass die Eltern einen Versandhandel für Fliegengitter betreiben und kommende Woche der Flug auf die Philippinen geht, wo ein Filmprojekt über Wunderheiler, die mit der bloßen Hand operieren, ansteht. Und wir würden gebannt lauschen und uns wundern und vielleicht darüber nachdenken, wie viel mehr man im Leben erreichen kann, wenn man sich nur traut und welch spannende Dinge sich erleben lassen, wenn man sie nur wagt. Vielleicht.

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Sonntag, August 03, 2008


Vermutungen verdichten sich: Blackmail-Saitenungeheuer Kurt Ebelhäuser ist ein Klingone.

Dienstag, Juli 15, 2008

Zu Gast bei (leicht siffigen) Freunden


Staub- und Rußpartikel, tausendfach aufgewirbelt, haben sich an der Außenseite des Zimmerfensters im Caledonian Backpackers Hostel niedergelassen, und der Regen hat sie dort festgeklebt. Beinahe blind sind die Scheiben. Auch wenn der Nebel sich allmählich auflöst, der Blick nach draußen bleibt trübe. Das Licht der Straßenlaternen, der Front- und Heckscheinwerfer und der Kneipenschriftzüge bricht sich im Dreck, als ich hinausschaue, bevor ich mich auf die speckige Matratze werfe zum Schlafen. Das Laken verrät, dass ich nicht der Erste bin, der sich hier bettet. Ein Rudel blonder Locken kräuselt sich, aschgraue Strähnen dämmern daneben, und auch ein paar schwarze Stoppeln bevölkern das graue Tuch. Allzu häufiges Wechseln und Waschen wird überbewertet und schadet dem Stoff. Müde schlurfe ich zuvor noch in Richtung Toilette, bestaune die kunstvollen, leuchtend bunten Wandbemalungen in den Fluren des einst prachtvollen Bürgerhauses.





Ein halbnackter Greis mit zottigem Rauschebart humpelt aus dem Nachbarzimmer. Mühsam hält er zwei Handtuchzipfel hinter dem Rücken zusammen. Sein Zimmergenosse grüßt mich. Erzählt, dass der Nebel in der Stadt erst am späten Nachmittag aufgezogen sei und es vorher klar und freundlich war, blickt inmitten des Gesprächs durch seine riesige Hornbrille auf geschwungene Kringel in seinem Tagebuch. Dort hat er die Wetterentwicklung feinsäuberlich notiert. Auch die Aussichten. Morgen solle es besser werden, sagt er, lacht und bleckt freundlich seine bernsteinfarbenen Schneidezähne.



Das Klo im Trakt lässt sich nicht abschließen, belohnt indes mit einer mittig durchgebrochenen Klobrille. Das macht neugierig. Ob es auch irgendwo ein größeres Bad mit Dusche gibt? Ich nehme einen tiefen Zug des süßlichscharfen Dufts im Flur, bestaune die hellrosafarbenen Flecken im blauen Teppich und bin verblüfft, welch spannende Farbwandlungen scharfe Reinigungsmittel wohl bewirken können. Alle paar Meter hängen staubbefluste Feuerlöscher, und an jeder Flurtür hängen Schilder, die eindringlich mahnen, wohin man rennen solle, wenn es brennt im Haus.

Zwei Spanier hocken an vor flimmernden Laptopschirmen im Schneidersitz auf dem Boden. Sie weisen mir den Weg zum eigentlichen Bad. Schimmelgesprenkelte Tapeten wellen sich darin von der Decke. Motten flattern gegen staubige Glühbirnen. Die Glastüren der Nasszellen sind mit blauer Farbe blickdicht geschmiert worden. Die Wasserleitung hustet kurz Rost, ehe das kühle Nass herausspritzt. Ich putze meine Zähne, schlurfe über den Fleckenteppich zurück und kuschle mich an fremde Locken auf dem Laken, um zum ersten Mal eine Nacht in Edinburgh zu durchträumen.

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Freitag, Juli 04, 2008

Der stille König der Fußgängerzone

An Samstagen trug er eine zerknitterte Krone aus Zeitungspapier. Windschief gefaltet, zuweilen vom Regen durchnässt. Josef war der stille König der Fußgängerzone, seine Zepter klaubte er aus Plastiktüten. Grün, aus Glas, mit silberglänzender Krempe und einem Kronkorken zuoberst. Niemand wusste genau, wo sein Schlafpalais lag, niemand traute sich, ihm zu folgen. Man kannte ihn nur in seinem weitläufigen Thronsaal, durch den die Leute zum Einkaufen flanierten. Seit sein Schäferhund Rudi gestorben war, zog Josef aus liebevollem Respekt vor jedem Hund den Filzhut. Unter der Woche. Am Samstag nahm er sogar seine Krone vom Haupt und entblößte die wenigen wirren Strähnen darunter. Dann zog er zuweilen auch einen kleinen Hundekuchen aus einer der zerbeulten Manteltaschen und lächelte zwischen den verbliebenen Zahnstumpen hindurch, während er den Tieren den Kopf streichelte und sie schwanzwedelnd mit ihren Herrchen und Frauchen von dannen zogen. Man sagt, Josef habe früher das Herz auf der Zunge getragen, weil’s auf der Zunge lag, doch dann habe er sich schwer das Herz erkältet und sei verstummt. Wer ihn ansprach, erntete ein Kopfnicken, einen wortlosen, freundlichen Blick, doch kein Wort. Nicht über das Wetter, nicht über die steigenden Preise oder das Wohlbefinden. Tag für Tag saß er vor dem Rhododendronbusch auf der kleinen Bank unweit der Sparkasse, und sein rasselndes Husten war alles, was man von ihm hörte außer dem Klirren und Klimpern und dem Rascheln der Plastiktüte, wenn er sein Zepter wechselte. Doch selbst das bleibt neuerdings aus, und seit einigen Wochen sieht man ihn nicht einmal mehr. Womöglich ist der stille König der Fußgängerzone geschrumpft. Vielleicht ist er auch fort.

Dienstag, Juli 01, 2008



Wenn chinesische Kühe auf deutschen Wiesen weiden - mampfen sie dann Glas?

Montag, Juni 23, 2008

Nightswimming in Edinburgh (II)

Eine gruselfreudige Gruppe Touristen versammelt sich inmitten der düsteren Nebelschwaden unterhalb der gotischen Zinnen von St. Giles-Cathedral. Ein rabenschwarz gewandeter Stadtführer klemmt eine Taschenlampe unter sein Kinn, die Schlagschatten in sein Gesicht wirft, hält einen Totenschädel hoch, grollt und gurgelt unheilvoll, während er seinen Schützlingen einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden (Er-)Schrecklichkeiten auf den nächtlichen Friedhöfen und in der Unterwelt von Edinburgh gibt. Amerikanische Hausfrauen quieken und kreischen ekstatisch. Noch ist überhaupt nichts Aufregendes passiert. Aber anscheinend sind sie sehr schreckhaft. Ich hingegen bin sehr durstig.

In einer steil bergabwärts kurvenden Seitenstraße der Royal Mile finde ich einen Pub – die „Scotman’s Lounge“. Wie Ölsardinen quetscht sich eine trinkfreudige Horde darin. Nur dass Ölsardinen nicht tanzen, juchzen, johlen und grölen. Ein Barde mit Gitarre singt inbrünstig alte Gassenhauer und Volksweisen, seine Silben knallen hart, das „R“ fliegt mit Flatterzunge vom Gaumen. Sein urschottischer Akzent beißt sich ein wenig mit seiner äußeren Erscheinung. Demnach könnte er ein vorzeitig ausgestiegenes Gründungsmitglied des mongolischen Oberton-Gesang-Ensembles „Huun Huur Tu“ sein. Er besingt alte Schlachten, spottet der englischen Königin, und sein Volk kreiselt über der Stelle, hakt sich unter, tanzt Ringelreihen, schwitzt und säuft vergnügt.




Halbleere Bierhumpen tummeln sich auf alten, angestrichenen Whiskyfässern, die als Tische dienen. Gestalten mit glasigen Blicken klammern sich daran, schwanken, plustern die Backen und atmen schwer. Doch gelingt es ihnen, den Arm zu recken und noch ein weiteres „XXXXXX“ zu ordern. Fotos von Dudelsack-Orchestern prangen an der Wand. Sie haben an Wettbewerben teilgenommen und sind gegen andere Dudelsack-Orchester angetreten. Irgendwer wird dabei gewonnen haben. Torkelnde Gestalten schieben sich nach draußen, rauchen, blicken trübe durch den inneren und äußeren Nebel hinein. Die Fensterscheiben sind beschlagen. Plötzlich platscht es außen an der Scheibe. Ein Sturztrunkener knallt mit dem Gesicht gegen das Glas, offene Wunden klaffen an seinen Wangen, sein Gesicht ist blutverschmiert, die Scheibe ist es danach ebenfalls. Irgendwo konnte anscheinend schon zuvor eine harte Oberfläche seinem fallenden Gesicht nicht rechtzeitig ausweichen.

Ein Strubbelbärtiger, dessen Rachen von Hochprozentigem gegerbt ist und der sich einige Zähne hat ziehen lassen, um Whisky mit geschlossenem Mund trinken zu können, zeigt – mit dem Arm eiernd – auf ein paar hüpfende, kreiselnde Frauen, die beim Tanz ihre Brüste schwingen. Schottland sei ein Busenparadies, hier gäbe es die großartigsten Titten der Welt. Ich nehme es zur Kenntnis. Die großartigsten Titten der Welt, die hier geschwungen werden, haben wahrscheinlich schon ein paar Runzeln, zumindest aber fünf Jahrzehnte auf dem Buckel. Der schottische Mongolenbarde ist beim „Wild Rover“ angekommen.



Vier Takte braucht der Betrunkenenchor, um das Lied zu erkennen. Dann grölt er aus voller Kehle die zweite Zeile mit: „…and I’ve spent all me money on whisky and beer“. Ansonsten beschränkt sich die Textkenntnis weitgehend auf „No, nay, never! No, nay, never, no more!“, die mit ähnlich glühender Inbrunst gegen die tiefe Holzdecke geschmettert werden. Daumen und Zeigefinger werden zum Pfeifen in den Mund gesteckt, aus manchen Winkeln rinnen Speichelfäden. Dann umarmen sie sich, stoßen an. Släintsch! Slaínte! Prost. Noch ne Runde, Wirt. Fast wie die Wikinger in Torfrocks „Rollo“: Wir saufen den Met, bis keiner mehr steht, unser Häuptling heißt rote Locke. Nur dass hier keiner Met säuft und auch keiner umfallen kann. Dazu steht die quietschvergnügt-besoffene Meute viel zu dicht gedrängt.

Gleichgewichtsprobleme werden erst auf dem Heimweg wieder ins Gewicht fallen. Diesen trete ich allmählich an. Noch längst nicht betrunken genug, aber der Blick auf die Uhr verrät, dass Mitternacht schon lange vorüber gezogen ist. Und morgen gibt es noch so viel Neues zu entdecken, dann, wenn der Nebel sich allmählich verzogen hat.

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Montag, Juni 09, 2008

Nightswimming in Edinburgh (I)



Zwischen den gusseisernen Zäunen an Princes Street führt eine Kopfsteinpflastertreppe durch den Nebel hinab in ein schwummriges Dunkel zu Füßen der St. Josephs Church. Ein Uhu flüstert, und ich steige über verwitterte Grabplatten. Fledermäuse flattern über meinen Kopf hinweg, während ich die Kamera aus der Tasche zerre, um aus der Düsternis heraus die Burg ins Bild zu bannen. Sind es mächtige Scheinwerfer, die sie grünlich anstrahlen? Oder sind es nicht doch die misstrauischen Augen einer riesenhaften Katze, auf deren Buckel die Burg und ein Teil der Altstadt sich niederlassen? Es dröhnt und grollt tief, die Grabplatten auf denen ich stehe, zittern. Noch weiß ich nicht, dass in einer schmalen Furche unterhalb des steilen Burgfelsens Dieseltriebwagen der schottischen Eisenbahn rollen. Allem Grollen zum Trotz hält die Katze still, blickt stoisch durch das milchige Dunkel, springt nicht fort – die kostbaren alten Gebäude der Altstadt abwerfend.

Ich klettere wieder hinauf und spaziere unter dem Blütengewirr der Kirschbäume hindurch, die am Rande Spalier stehen, gehe an den massiven Säulen der Nationalgalerie vorbei und die Straße hinauf, die sich in die Altstadt windet. „Look right“ ist mit dicker weißer Farbe auf die Fahrbahnen an den Ampeln getüncht. Und von rechts rumpelt ein schwarzes Taxi durch die feuchtklebrige Nacht. Wie ausgestorben wirkt die „Royal mile“, die berühmteste Kopfsteinpflasterstraße der Stadt, die sich vom Burgvorhof sanft absinkend bis zum königlichen Palast erstreckt. Noch sind es nur lose Wahrnehmungsfetzen. Jeder Augenblick prägt sich ein, als seien die Augenlider weggeschnitten, hinterlässt Spuren, Einzelflicken reihen sich, formen sich ganz langsam, ehe sie – weit später – zu einem klareren Bild zusammenwachsen. Erst allmählich ziehe ich meine unsichtbaren Fäden in der neuen Stadt, verwandeln sich beschreibende Schriftzeichen im Reiseführer in eigene Wahrnehmungen.

Kaum Touristen bummeln durch das neblige Dunkel. Warmes Licht schimmert durch wenige Vorhänge in den oberen Stockwerken, die meisten Fenster schlafen. Die Innenhöfe gestehen dem Himmel ihre Leere. Niemand nimmt die engen, verwinkelten Stiegen zwischen den steil aufragenden Häusern. Aus einem offenen Flur riecht es nach Kühle und schalem Bier. Motten schwirren im buttermilchigen Licht der Straßenlaternen. Ein paar Geister umspuken lautlos die St. Giles-Kathedrale mit ihren rußschwarzen Zinnen, huschen um die Statue des großen Denkers David Hume und verschwinden wieder – zu wenig Gesichter, die sich erschrecken ließen.



Ich schlendere allmählich die Flaniermeile hinab. In polierten Restaurants sitzen einsame Nachtschwärmer und lassen ihren Cocktail schal werden, während sie in ihrem Handy das Adressbuch durchforsten, um am Ende doch niemanden anzurufen und ihr Telefon seufzend wieder auf den Tisch zu legen und die Decke anzustarren. Spielautomaten blinken, an denen niemand sitzt. Eine Alte hockt geduckt an einer Mauer, der Nebel verdeckt den kleinen Hut und das Pappschild, die vor ihr auf dem Boden liegen. Ihr Gesicht lässt sich zusammenziehen wie der Balg einer Zieharmonika. Alle Augenblicke legt eine weinerliche Grimasse diese Zieharmonika in tausend Querfalten, als eine kleine Münze von mir in ihrem Hut landet, zieht das dankbare Erstaunen die Zieharmonika wieder auseinander, glättet die Falten, enthüllt die Schlitze der winzigen Augen und das feuchte Zahnfleisch mit den gelben Zähnen unter der fleischigen Oberlippe.

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Donnerstag, Juni 05, 2008



Schotten haben ein feines Gespür für generationenübergreifende Rücksicht und den Schutz des Lebens in allen Alterslagen. Zäune am Straßenrand - wie bei Krötenwanderungen - sieht man in den Städten bislang noch selten, es sei denn, es werden Straßen (um)gebaut.

Donnerstag, Mai 29, 2008

Mist!



Schweiß perlt auf dem Weg zum Flughafen. Keine Wolke über Deutschland, keine Klima-Anlage. Hitze brütet. Panorama-Blick auf Kontinental-Europa, den Ärmelkanal und Südengland aus dem Flugzeugfenster heraus. Millionär mit Ryan-Air bin ich auch diesmal nicht geworden. Versucht habe ich es erneut nicht. Kein Wunder insofern. Erste weiße Wattebäusche huschen über Mittelengland ins Fensterpanorama. Kein Betrunkener sitzt neben mir. Ich soll Parfum kaufen, esse aber lieber ein mitgebrachtes Käsebrötchen. Draußen verdichten sich die Wattebäusche. Beim Sinkflug über Edinburgh taucht die Maschine in mehrere hundert Meter dicken Nebel. Als habe jemand die Fenster von außen mit weißgrauer Farbe beschmissen. Panorama war einmal. Mist. Scottish mist. Ein Shuttle-Bus kurvt uns in die Innenstadt, muss dabei zigfache Umwege nehmen. Denn halb Edinburgh ist eine riesige Straßenbaustelle. Auch wenn man es des Nebels wegen kaum erkennen kann. Edinburgh will seine phänomenale Linienbusdichte ergänzen und entzerren durch den Bau einer allerersten Straßenbahn. Doch das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. An der Princes Street - linkerhand von teuren Geschäften, rechterhand von einem abschüssigen, edlen Park flankiert - klettern wir hinaus in den Nebel. Ein hellgrauer Schemen im nassen Weiß lässt die Burg erahnen, die an und für sich hoch über dem Park thront. Zu unserer Begrüßung versteckt sie sich hingegen. Die Dämmerung senkt sich, und Straßenlampen sieben milchiges Licht. Gemütlich schlurfen wir zum "Caledonian Backpackers Hostel", dem obskuren Ort unserer Nachtruhe, den wir über das Internet gebucht haben. Eine Geschichte für sich und eine Geschichte, die in Kürze folgen wird.

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Freitag, Mai 23, 2008

Blick zurück



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Die richtigen Worte zu finden, ist schwierig. Zu unterschiedlich waren die Tage in Schottland, blickdichte Nebelschwaden und knallende Sonne, das Gewusel in Edinburgh und die schroffe Einsamkeit unter den steil aufragenden Gebirgsmassiven in den Highlands, das heruntergekommene Hostel in der Hauptstadt und das kuschlige Bed&breakfast in Fort William. Ich will und ich werde erzählen. Und ich hoffe, irgendwer findet und schickt mir mein Reisetagebuch, das ich irgendwo in der Einsamkeit auf einem der Bergkämme über Glenfinnan verloren habe. Dort, wo ich mir wegen warmem Wetter unbedacht eine Dreiviertelhose angezogen hatte und von wo ich mit Zecken am Bein zurückkehrte. Sechs. Die habe ich hinfort geschnipst. Sie liefen noch. Fünfzehn. Die hatten sich bereits festgebissen. Über zwanzig also insgesamt. Glenfinnan, das Zeckennest. Dieses Kaff mit kaum mehr als 50 Seelen, aber einem atemberaubend schönen Blick auf Loch Shiel und mit dem Viadukt, der wohl in Harry Potter Filmen eine große Rolle spielt, wie ich gelernt habe. (Ich habe noch nie einen der Streifen gesehen.) Dieses Kaff, wo das Denkmal für Bonnie Prince Charlie völlig einsam aus Sumpfgras emporragt. Und wo diese kleine Kapelle steht. Ein erstes Foto für Euch. Mehr kommt bald. Zunächst müssen die Erinnerungen sortiert und noch einmal gesammelt werden. Aber dann.

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Sonntag, Mai 11, 2008

Aye!


Wahrscheinlich spiele ich ähnlich gut Dudelsack wie Schach. Nun habe ich Schach seit zwölf Jahren nicht mehr gespielt und Dudelsack noch nie. Das tut nicht viel zur Sache. Aber ich fahre nach Schottland. Spontan. Jetzt. Für eine Woche. Ein paar Baumstämme werfen. Dem Highlander stechende Blicke entgegenschmettern. Vielleicht treffe ich auch Braveheart, gebe mich als Medizin-Technik-Vertreter aus und verkaufe ihm einen Herzschrittmacher. Oder ich bringe den Sachsen das Angeln bei. In jedem Fall: Stadt-Treiben in Edinburgh und seelebaumelndes Landschaftbestaunen mitten in den Highlands - in Fort Williams am Loch Linnhe, unterhalb vom Ben Nevis. Es kribbelt.

Donnerstag, Mai 08, 2008

Kurz nach der Siesta

Er spricht leise, haucht die Worte hinaus, als wolle er damit heiße Milch kühlen. Sagt, dass er seit Jahren kein Schach mehr gespielt hat, und klaubt eine Weintraube vom Fußboden auf. Zieht aus einer Leinentasche eine gelbe Rose und umkreist einen Dornen mit der Zunge. Sagt, dass er schon seit einer Viertelstunde auf den Bus warte. Dabei sitzt er mitten in der Fußgängerzone. Aber er sagt es leise. Und hauchend. Und plötzlich nimmt er eine volle Bierflasche, schleudert sie gegen die Schaufensterscheibe eines Uhrengeschäfts und schreit: "Warum trampeln eigentlich alle auf Rudi Schuricke rum?"

Sonntag, Mai 04, 2008



Am Stengel herausgezupft und mit ihren jungen Fingern verknotet. Vorsichtig. Gänseblümchenweise wächst die Kette, während Schnurrbärtige vorbeilaufen und Backfisch mampfen, der zuvor in tagealtem Fritösenfett geblubbert hat. Plastikpiekser und Pappteller. Eimer-Remoulade. Der Kugelbauch darf erstmals wieder unter dem T-Shirt ins Freie lugen. Nur kurz. Dann wird die offen getragene Jacke abgeschultert und vor dem Bauch die Ärmel geknotet. Aus mit Ausblick für den Nabel. Enten watscheln mit Weißbrot im Schnabel über den Ruderer-Pier. Frauchen lässt ihren Terrier von der Leine, wirft Stöckchen, Terrier rennt - gegen einen Eisenpoller. Nicht nach vorne geschaut. Das Gras riecht frisch und noch nicht nach Heu. Die Sonne ist heut nichts für Geigerzähler. Der Frühling kommt. Und so langsam sollte das Leben auch hier wieder beginnen zu sprudeln. Frischer Wind aus Nordwest. Ahoi.

Sonntag, März 09, 2008

Erste besorgte Nachfragen sind eingetrudelt. Auch für meinen eigenen Geschmack ist es hier zuletzt weitaus zu still gewesen. Viele Ideen, die in Warteschleifen unter der Zimmerdecke meines Hirns kreisen. Lust zu schreiben sprudelt noch. Nur scheine ich die Zeit noch immer ein wenig in die Flucht zu schlagen. Wenn ich da bin, ist sie meist weg. Ich arbeite daran. Bald passiert hier definitiv wieder mehr. Es gibt immens viel zu tun, ich packe es an. Zu Besorgnis kein Anlass. Mein Leben entwickelt sich, auch hier wird sich einiges weiter entwickeln. Bald. Vielleicht sogar sehr bald.

Dienstag, Februar 12, 2008

Wulnikowski im Gericht (I)

Trockener, rechtschaffener Staub lag schwer in der Luft und drückte auf die Atmung, als Wulnikowski die massive Holztür aufgedrückt hatte und ins Foyer trat. Wasser rann aus seiner Hose, tropfte auf die Schuhe und auf das marmorne Parkett. Um Wulnikowski herum wuchs eine kleine Pfütze. Einige Meter über seinem Kopf wölbte sich die Decke des Treppenhauses, Dunkelrot gefliest. Verblichene Zettel mit ausgedruckten Richtungs-Pfeilen wiesen auf Verhandlungssäle im Obergeschoss hin. Sie waren auf Hinweistafeln an verschnörkelten Gusseisen-Ständern getackert. Irgendwer trug einen weißen Schlips über weißem Hemd und durchhuschte den Flur. Türen klappten. Es war, als beträte Wulnikowski eine neue Welt. Es roch nach Angst und Schuld, nach längst getrockneten Tränen, nach Schweiß und scharfem Scheuermittel. Ganz langsam, Schritt für Schritt, folgte Wulnikowski einem der Pfeile und stieg hinauf in den ersten Stock.

An einer Pinnwand hing ein Zettel. Darauf tummelten sich verwirrende Folgen von Buchstaben und Zahlen, Namen, die er nicht kannte, andere Namen, die er ebenso wenig kannte, die aber als Verteidiger der unbekannten Namenträger berufen waren. Auch war verzeichnet, um welche Uhrzeit und weswegen die namentlich genannten Unbekannten sich hier vorstellen sollten. Nur der Name des Richters, der zuoberst auf dem Zettel vermerkt war, ließ bei Wulnikowski Erinnerungen erwachen an irgendwelche Zeitungsartikel, in denen Menschen bestraft worden waren. „Saal 27“ stand in Frakturschrift über der schweren Eingangstür, woneben der Zettel mit den Angeklagten hing. Eine abgesessene Holzbank stand auf der anderen Seite des Ganges vor dem Treppengeländer. Wulnikowski setzte sich. Wie viele traurige und ängstliche Menschen hier schon ihre Stirn in Falten gelegt haben mochten, zwischen banger Angst und heimlichem Hoffen hin und her gerissen, nicht wissend, welche Fragen und Nachfragen ihnen blühen mochten. Welche Urteile mit welchen Folgen für ihr weiteres Leben ihnen bevorstehen würden. Wohl Tausende, vielleicht Abertausende. Das Gerichtsgebäude war alt, und seit Jahrzehnten würden wohl täglich zig Dutzend Männer und Frauen in diesen Saal oder andere geschlichen sein. Entrüstet oder schuldbewusst. Voll Reue oder spitzfindiger Verschlagenheit. Kafkas "Prozeß", Wulnikowski hatte ihn immer lesen wollen.

Heute würden elf Menschen wegen fünf Strafsachen gewandelt den Saal verlassen. Hinter dieser dunkel gebeizten Tür, auf die Wulnikowski gedankenverloren starrte, wendeten sich Schicksale, hier wurden in schneller Folge Urteile gemacht. Man brauchte dafür nur verschiedene Zutaten: Ein gutes Pfund nachweisbaren Vergehens als Grundlage, ein paar Tatverdächtige, eine Handvoll Zeugen und deren Aussagen als Triebmittel, ein paar Rechtsanwälte und einen Staatsanwalt, die die Tatverdächtigen und deren Aussagen durcheinander wirbelten, verquirlten, abschieden, neu vermengten, gegeneinander rieben, verfestigten und hochkochten. Und einen Richter, der sich die munter purzelnden Reaktionen ansah, selbst ein wenig mitrührte und dann am Ende versuchte, das verquirlte, kochende Kuddelmuddel herunter zu kühlen und eine Quintessenz herauszudestillieren – vielleicht mit Hilfe von ein paar Schöffen. Doch wie mochte das vonstatten gehen?

Wulnikowski kannte den Ablauf von Verhandlungen aus Büchern, aus Kriminalromanen und aus den Gerichts-Sendungen im Fernsehen, die Joost zuweilen ansah, wenn er Hemden bügelte. Ob es hier ähnlich verlaufen mochte? Hier, wo alles ernst und wirklich war, wo man nicht wegschalten oder weiterblättern konnte? Ein bedrohlicher Ernst flutete die Stille des Ganges. Und quälend langsam schlichen fünf junge Gestalten die Treppe hinauf, mit gesenkten Häuptern, bleich, nervösen Blickes, geduckt, mit zusammengekrampften Händen. Sie schlichen direkt zu der verwitterten Holzbank, auf der Wulnikowski saß, sahen ihn misstrauisch an, fast verächtlich und zugleich tot, wandten sich um und blieben unter einer Gaube einige Meter weiter stehen, wo sie leise tuschelten. Wulnikowski war unwohl zumute. Diese jungen Menschen kannten ihn doch gar nicht, und doch hatten diese bohrenden Blicke ihn zutiefst verunsichert. „Betäubungsmittel“ hatte Wulnikowski auf dem Zettel gelesen neben fünf von den Namen, die er nicht kannte. Womöglich gehörten diese Namen den fünf Schleichern, die ihm die schauerlichen Blicke entgegnet hatten. Ob sie etwas getan haben mochten? Drei Männer und zwei Frauen in schwarzen, flatternden Gewändern schritten treppaufwärts. Kamen näher zur Bank, auf der Wulnikowski saß – immer noch triefend, eine Pfütze zu seinen Füßen –, sahen ihn verwundert an und erblickten dann das seltsame Blick-Quintett. Dorthin begaben sie sich dann, schüttelten Hände, blickten prüfend, murmelten miteinander.

Ein Herr mit Umhängetasche und Dreitagebart kam laut klappernd die Treppe hinaufgerannt, spurtete direkt zum Zettel neben der Tür, sah auf seine Uhr, schnaufte durch, erblickte die ungleichen Zehn, die unter der Gaube im Kreis standen, hechelte „grad noch geschafft“ und setzte sich neben Wulnikowski. „Na? Schon nervös?" "Sollte ich?" "Na, so kurz vor Ihrer Verhandlung..." "Ich wüsste nicht, dass ich hier gleich verhandeln werde." "Sind Sie nicht der Angeklagte?" "Nein." "Achso. Dann.... ah... auch schon den Stift gespitzt?“ „Äh?“ „Pardon, Backerschmidt, Neue Zeitung, wir kennen uns noch nicht.“ „Nein.“ „Und Sie sind?“ „Wer ich bin?“ "Genau. Schreiben Sie für die Allgemeine?“ „Nein. Ich…“ „Aber das Abendblatt hat doch schon seit Monaten keinen mehr auf einen Gerichtstermin geschickt. Sagen Sie nicht, sie kommen vom Abendblatt!“ „Nein.“ „Wusst’ ich’s doch.“ „Ach.“ „Ja! Selbst Schuld, die Kollegen. Hahaha. Einer von den Touris sind Sie aber doch auch nicht?! Dann würd’ ich Sie doch längst kennen. Bin doch der Gerichtshofbestatter, nein, -erstatter. Hahaha. Ich bringe niemanden unter die Erde. Aber ich bringe diejenigen, die andere unter die Erde gebracht haben, ins Blatt. Ich hänge sie an die große Glocke. Ich bringe sie an die Öffentlichkeit. Brauchen Sie ein Taschentuch?“ „Neinnein, das wird schon bald trocknen. Und ich sitze hier auch nur. Ich bin hier hineingekommen, weil es draußen so gießt und ich dachte, dass es in ein Gericht wohl nicht hineinregnet. Und bin ich die Treppe hinauf gegangen, sah diese Bank, und hier sitze ich nun.“ „Sie wollen den Fall hier gar nicht sehen?“ „Ich weißt nicht.“ „Das dürfen Sie sich nicht entgehen lassen! Das ist ein ganz heißes Eisen! Ein ganz heißes Eisen!“

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Samstag, Februar 02, 2008

Unter finstren Wolken

Sturm peitschte Wellen gegen die Kaimauern am Hafen. Regenkaskaden stürzten abwärts, prasselten auf das Pflaster. Die Menschen duckten sich in ihre Kapuzen, so sie welche besaßen, und vergruben selbst ihre Nasen unter den hochgezogenen Jackenkragen. Das alte Feuerschiff schaukelte leicht, in Blumenrabatten reckten die ersten Schneeglöckchen ihre Knospen aus der Erde. „Man müsste Euch umbenennen“, murmelte Wulnikowski, als er sie erblickte und mit dem Zeigefinger an den kleinen Blättern entlangwischte. „Es schneit ja kaum mehr.“ Fast schienen sie zu nicken, und doch war es nur eine Böe, die an ihren gebogenen Hälsen zog, zerrte und drückte.

Wulnikowski buddelte nach einer Plastiktüte in den Innentaschen seines Mantels, um seinen Pappkoffer darin einzuwickeln. Der drohte, aufzuweichen. Gedankenverloren schlurfte Wulnikowski den Kai entlang, unterhalb der reglos thronenden Löschkräne, denen der Sturm zwischen den rostigen Stahlbeinen hindurchpfiff. Eine Entenfamilie bummelte zwischen den wogenden Wellen umher. „Ist das ein Scheißwetter, finden Sie nicht?“, krähte ihm eine hutzelige Alte aus dem Kopfloch ihres Gummi-Ponchos entgegen. Wulnikowski zuckte mit den Schultern, lupfte seinen Hut zum Gruße ohne ein Gespräch zu beginnen und bog ab in die Ritterstraße. Führwahr: Gemütliches Spazierwetter ging anders. Am Frühstückstisch zu sitzen, Brötchenkrümel mit dem Finger aufzulesen und sich einen erfrischenden Fußmarsch vorzustellen, hatte mehr Spaß gemacht. Zumal die rechte Fußspitze, wo einst sein großer Zeh gelebt hatte, sich als sehr kälte-empfindlich zeigte.

Ohne konkretes Ziel schlenderte Wulnikowski über das Trottoir. Ein Hund zitterte im eisigen Wind, als er sein Geschäft unter einem Briefkasten verrichtete. Ein Herr im Trenchcoat wurde beinah von einem Wäscherei-Lieferwagen überfahren, als ein Windstoß ihm das Haarteil vom Kopfe riss und munter durch die Luft schleuderte. Sonst passierte nicht viel, doch brachen die Wolken völlig auseinander und es begann derart wild zu schütten, dass auch Wulnikowski seine Spazierlust allmählich beargwöhnte. Zu seiner rechten erhoben sich die düsteren Gemäuer des Amtsgerichts mit dem Säulenportal und den schweren Holztüren. „Ob es drinnen ähnlich grimmig aussehen mag?“, fragte Wulnikowski sich. Noch nie hatte er ein Gericht betreten. „Zumindest dürfte es nicht hineinregnen.“ Und so schlurfte er die steinernen Treppen hinauf. In Vorfreude darauf, kurzzeitig den Regenmassen zu entfliehen und gespannt darauf, was ihn erwarten mochte.

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Dienstag, Januar 22, 2008

Vergessen, Hochwasserhosen einzupacken. Stattdessen nach Dienstschluss mehrere 50-Meter-Bahnen auf dem Parkplatz geschwommen. Eisig, matschig, aber möglich.

Freitag, Januar 18, 2008

Tunk

Knut knackt Knochen. Tote Fische treiben im Bach. Neben rostigen Coladosen und einem alten Walkman. Knut kurvt mit der Zunge hinter den Backenzähnen entlang, hin zu der kleinen Zahnfleischtasche, wo noch vor Kurzem ein Weisheitszahn stak und wo sich nun regelmäßig Sonnenblumenkerne und Haselnussbröckchen aus dem Frühstücksbrot verkanten, verstecken und festsetzen. Auch Wurstzipfel verirren sich hierhin. Doch gab es nur Käse zum Frühstück. Und Honig. Zungenspitze meldet Verdacht auf Haselnussbröckchen. Bergung eingeleitet. Doch der Zunge fehlt die Hebelwirkung. Nussbrocken steckt fest. Mit klammen Fingern zerrt Knut einen zerknüllten Zettel aus der linken Hosentasche. "Munddusche kaufen!", kritzelt er darauf. Wenigstens eine Zahnbürste hätte er mitnehmen können. Ein Lächeln huscht über Knuts Lippen. Hatte er doch in der Zeitung gelesen. dass die Polizei in Nordholland jüngst eine Räuberbande geschnappt hat, die sich in großem Stil auf Zahnpasta-Diebstahl spezialisiert hatte. Über den Dachwipfeln kreisen Schwalben. Eine Styropor-Kugel schwimmt im Bach. Knuts Zunge kreist um den Nussbrocken.

Sonntag, Januar 13, 2008

Am Laternenpfahl


Eine Frau hatte ihm den Möbelprospekt hingeworfen. Wortlos, das Gesicht in Tuch eingeschlagen. Vor wenigen Tagen. Die Titelseite kannte er längst auswendig. Regentropfen hatten sie zerfleddert und gewellt, noch bevor er hatte umblättern können. Fest gekettet lag er schon lang. Zunächst hatte man ihn nur festgeschlossen. Die Hoffnung zerrieselte allmählich, dass man ihn wieder freiließe und er wieder Straßen und Gassen der Stadt umkurven, andere Ecken sehen konnte. Denn niemand holte ihn ab. Rost zerfraß ihn. Niemanden kümmerte es. Auch er war abgestumpft, merkte es kaum mehr. Eines nachts, er war in eisigem Regen allmählich weggedämmert, kamen zwei unbehaarte Männer mit dicken Daunenjacken, traten ihn mit ihren Stiefeln, brachen ihm mehrere Speichen, rissen die Klingel ab und schleuderten sie ins Brombeergestrüpp auf der anderen Straßenseite, zerschlitzten seinen Sattel, zerbeulten das Schutzblech, zerdepperten sein Vorderlicht, pissten gegen seinen Rahmen, zerbrachen die Felgen. Gekracht hatte das. Und plötzlich verdrückten sie sich. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne einen Grund zu nennen. Ohne sich zu entschuldigen. Sonst passierte wenig. Vielleicht würde irgendwann jemand kommen und ihn mitnehmen. Das Schloss durchfräsen, ihn in eine andere Gegend bringen. Irgendwann. Vielleicht bald.

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Donnerstag, Januar 10, 2008

Oberhalb von Raufasern

Gern hätte Ada sich den Himmel durch ein Loch in der Decke angesehen, während sie im Nachthemd auf ihrem Bett lag mit hinter dem Kopf verschränkten Händen. Vielleicht funkelten ein paar Sterne. Vielleicht könnte man dem wandernden Blinken eines Flugzeugs am Firmament folgen. Womöglich flatterten auch Fledermäuse. Doch da klaffte nichts. Zweieinhalb Meter über ihr prallte der Blick unsanft auf Raufasertapete. Die Lampe hing reglos herunter, die Glühbirne sirrte. Und selbst wenn: Das Dach war dicht, und über ihrem Schlafzimmer lagen noch zwei Stockwerke. Kühlschränke, Küchentische, Bodenfliesen, Hutablagen, Putzmittel, Blumenvasen und Zeitungskörbe gab es darin. Ein Loch bis ins Dach hindurch zu bohren, würde auf Widerstand stoßen und Lärm machen. Und es müsste ein großes Loch sein, und dann wäre das Bohei wieder groß, spätestens sobald es regnet. Niemand würde ihren Wunsch teilen oder verstehen, doch in diesem Moment loderte er immer heller.

Holzbohlen knirschten draußen im Treppenhaus, doch niemand klingelte. Blattlose Zweige raschelten vor dem Fenster. Ein Weberknecht kraxelte über den Schminkspiegel.Im Mülleimer darunter lag ihr Mascara-Flacon. Das ganze Wochenende hatte er offen dagelegen und war darüber ausgetrocknet, während Ada sich gläserweise Gin genehmigt hatte, wenige Straßen weiter in einer Kneipe, deren Name ihr entfallen war. Irgendwer neben ihr hatte nach Patschuli gerochen, daran erinnerte sie sich, aber sein Gesicht war ihrer Erinnerung entronnen. Das Négligé raschelte, als Ada sich aus den Kissen drückte, eine Zigarette anzündete und Rauchkringel in Richtung der beschlagenen Fensterscheiben blies. Wäre er nicht gegangen, hätten sie vielleicht Fratzen mit den Zeigefingerspitzen darauf gemalt, und die Sonnenstrahlen hätte sich am nächsten Morgen in den Schlieren gebrochen, noch bevor beide die Augen geöffnet und sich den ersten sanften Kuss des Tages gegeben hätten. Wie viel schöner wäre es gewesen, ein Loch in der Zimmerdecke zu haben, gemeinsam ins Nachtdunkel zu blicken, um neue Sternbilder zu erfinden.

Existiert hatte es nie, und doch hatte er Ada eines Abends glauben gemacht, es gäbe dieses Loch, hatte das Licht gelöscht, seinen Blick nach oben durch die Zimmerdecke geschickt und ihr Geschichten aus dem eisigen Weltraum erzählt, und sie hatte hingesehen und plötzlich auch durch alle oberen Etagen hindurch nach draußen schauen können in die klare Kälte des tiefschwarzen Nachthimmels. Gemeinsam hatten sie aus Rauchwolken eine eigene Milchstraße über die Köpfe gehaucht, unweit voneinander, zwei Milchstraßen sogar, die sich trafen und umspielten. Ada seufzte.

Er war nicht da. Und auch sonst niemand, der versehentlich Rotwein vor dem Fernseher verschüttete, wonach sie beide gemeinsam Salz auf die Teppichwunde kippen könnten, um mit Schultern, die sich wie zufällig berührten, den Fleck hinwegzuschrubben, nahen Nasenspitzen, die den warmen Atem des Anderen am Hals spüren ließen und ein Kribbeln den Nacken hinabschickten. Keine Schultern in der Nähe, der Teppich fleckenfrei und kein Loch in der Decke. Die Sterne mochten draußen funkeln, heute nacht blieb der Blick in Raufasern hängen.

Mittwoch, Januar 02, 2008

Oink!


Warmer Mist dampft in der frostigen Luft. Schubkarren glänzen im tief stehenden Licht. Maulwürfe werfen Hügel auf, die Freiluftschweine verbuddeln ihre Schnauzen im Matsch und grunzen froh dem neuen Jahr entgegen. Nun ist es also soweit: Unter der Woche bin ich zurück in der alten Heimat mit neuer Aufgabe. Auf dass es erlebnisreiche, positiv überraschende Zeiten werden. Ich freue mich drauf und wünsche auch Euch allen ein rundum famoses neues Jahr!

Samstag, Dezember 22, 2007

Hyvää Joulua


Viel zu tun in diesen Tagen. Netzjenseitiges Gewusel. Viel zu regeln, erleben, treffen, besorgen. Doch wünsche ich Euch allen famose Festtage, gespickt mit passgenauen Geschenken, durchsprudelt von tollen Stunden, erfreulichen Begegnungen, besinnlichen Momenten und formidablen Festschmäusen. Als kleines Weihnachtsgeschenk gibt es hier noch das herrliche Asthma came home for christmas meiner Lieblings-Schotten von Aereogramme zum freien Runterladen. Frohe Weihnachten Euch!

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Samstag, Dezember 15, 2007

Kinotipp: Nichts als Gespenster

Ein Schleier des Schweigens umhüllt die Gesichter. Wünsche, die verschluckt wurden, Sehnsüchte, nicht in Worte gekleidet, Positionen, die heimlich geblieben sind. Mangels Eindeutigkeit vielleicht auch vom Radar der anderen falsch erfasst. Konflikte, die totgeschwiegen wurden mit leisen Seufzern in einsamen Momenten, mit aufeinander gepressten Lippen. Stillschweigende Sündenregister. Es gärt im Verborgenen. Sie öffnen Münder, doch bleibt vieles unausgesprochen, oftmals das Wesentliche. Die Beziehungen: verkantet. Kaum ein Wort. Schmurgeln im eigenen Sud. Flügellahm ist die Neugier geworden, die Lust, zuzuhören, das Werden und Wandeln des Partners zu entdecken, begleiten, als spannend zu begreifen. Aber wer öffnet schon den Mund, wenn er vorab ahnt, dass, was er sagt, beiläufig versickert oder missverstanden wird? Sich lieber verschließen, bevor frustkalter Wind das Herz durchzuckt. Offen ausgetragen wird hier fast nichts.

Wehmut, eine nüchterne Tristesse umflort die Kurzgeschichten von Judith Hermann. Sachliche Romanzen. Das nahende Scheitern. Zerbrechlichkeit, poetisch eingefangen, nüchtern seziert, scharfsinnig beobachtet, mit sanft skurrilen Momenten garniert. Fünf von Hermanns bitterschönen Skizzen hat Martin Gypkens nun in seinem wunderbaren Episodenfilm „Nichts als Gespenster“ gegeneinander montiert. Geschichten, die quer über den Globus spielen – in der Wüste Nevadas, im klirrend kalten Island, in Venedig, auf Jamaika und in und um Leipzig. Menschen auf Reisen, auf der Suche nach Liebe, vielleicht auch auf der Flucht vor sich selbst, vor Entscheidungen, vor Klarung des trüben Nebels.

Ellen und Felix durchkurven die zerklüfteten Canyons in der amerikanischen Steinwüste, halten sich nurmehr zähneknirschend aus. Ihre wechselseitige Entfremdung bricht offen hervor. Die Luft knistert gefährlich, Nerven zum Zerreißen gespannt. An jedem „Scenic view“ will Ellen aussteigen, lässt die Autotür offen stehen und zückt ihre kleine Kamera, um die Panorama-Aussicht zu knipsen. Auch wenn Millionen Touristen vor ihr dieselben Motive heimgebracht haben. Aber wie sollen die Freunde zu Hause sonst nachvollziehen können, wie es war, wo sie war? Felix grummelt in sich hinein, möchte unkonventionellere Blicke erhaschen, sich nicht von Verkehrsschildern vorschreiben lassen, wie er zu schauen hat. Meter voneinander entfernt laufen sie, meilenweit klaffen ihre Wünsche auseinander.

Nie sind sich Caro und Ruth bei Männern ins Gehege gekommen, haben als beste Busenfreundinnen keine Geheimnisse voreinander gehabt und zusammen gewohnt, bis Ruth für ein Schauspiel-Engagement vor Kurzem nach Leipzig gezogen ist. < Nun schwärmt die weiche, überaus gefühlvolle Mimin von ihrer neuen, kribbelnden Beziehung zu einem Kollegen, den Caro beim Besuch unbedingt begutachten soll. Doch zeigen sich schon erste Risse. Und es kommt, wie es nicht kommen sollte.

In die klirrende Kälte Islands sind Irene und ihr bester Freund Jonas ausgebüxt, um Ablenkung zu finden nach zerborstenen Beziehungen. In der Einöde wird das ungleiche Gespann – zu Gast bei Freunden – plötzlich wild aufeinander. Doch scheint auch die Gastgeberin mehr für Jonas zu empfinden und sich heimlich zu wünschen, mit ihm in stiller Heimlichkeit und knisternder Glut auszubrechen.

Marion ist allein in Venedig, frisch von ihrem Freund getrennt, traurig, allein schlurft sie durch die engen Gassen der Lagunenstadt, wird von einem rätselhaften Fremden verfolgt und trifft ihre Eltern. Doch niemand hört ihr zu, vorgefertigte Bilder, selbsterfülltes Wortsprudeln der Mutter, Sensibilität eines Betonblocks. Marion ist da und kommt doch nicht vor.

Ein Hurrikan braut sich über Jamaika zusammen, wo Nora ihren ausgewanderten Ex-Freund gemeinsam mit ihrer besten Freundin besucht. Doch ist nichts mehr wie früher, der Spalt zwischen den ehemals Liebenden klafft weit, stattdessen verlieren und verlieben sich Herzen über Kreuz, mit stillen Verwicklungen und offensichtlichen Heimlichkeiten.

Die Karibik-Episode stammt aus Hermanns Überraschungs-Erfolg „Sommerhaus, später“ – die anderen vier aus dem Nachfolger „Nichts als Gespenster“. Behutsam und mit geschickten Schnitten führt Gypkens die Geschichten parallel, verleiht den Bildern jeder Episode eigene, charakteristische Farbtönungen. Der eisige Blaustich auf Island, sanfte Sepia-Körnung in Leipzig, entsättigte, blasse Farben in Venedig, Gelb- und Rotfilter in Nevada und auf Jamaika. Hitze und Kälte, Südsee, Eisgletscher, Wüste, europäische Hochkultur und deutsche Provinz stehen nebeneinander. Gemeinsam ist ihnen die gefühlte Verlorenheit, das zarte Sehnen. Zart und nüchtern zeichnet Gypkens die Figuren nach, ohne falsches Pathos, ohne Gefühlsduselei. Und ihm gelingt es, die prominente Schauspieler-Riege mit Jessica Schwarz über August Diehl, Fritzi Haberland, Maria Simon oder Stipe Erceg zu berückend intimer Intensität im Spiel zu treiben. „Nichts als Gespenster“ widerlegt die Unverfilmbarkeit von Kurzgeschichtenbänden, liefert einen der schönsten und berückendsten Filme seit Langem. Eine nachdenkliche Reise voll poetischer Tristesse und aufblitzendem stillem Witz, klar beobachtet, in traumschöne Bilder eingefangen. Ein klitzekleines Wunder.

© für alle Bilder: Senator Film AG


Donnerstag, Dezember 13, 2007

Goldene Gelegenheit


Die großartigen Okkervil River haben zur Adventszeit das "Golden opportunities mixtape" als MP3s zum kostenlosen Herunterladen bereitgestellt - eine Zusammenstellung aus seltenen Fassungen von eigenen Songs und diversen Coverversionen. Ein tolles musikalisches Vorweihnachtsgeschenk, dass hier zum Abholen bereit liegt. Sogar mit Artwork und Liner-Notes zum Ausdrucken.

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Man muss schon sehr genau hinsehen...


Nicht immer ist drin, was draufsteht. Ein manchmal erfreulicher Umstand.

Samstag, Dezember 08, 2007

Heute ist Muttertag in Panama, das Fest der Madonna in Paraguay und der 15. Gründungstag von Usbekistan. Und in Finnland feiern Kylli und Kyllikki Namenstag. Irgendwelche Fans zelebrieren den 22. Geburtstag der Lindenstraße, andere betrauern, dass John Lennon noch fünf Jahre vor Serien-Start erschossen wurde. Hier regnet es.

Mittwoch, Dezember 05, 2007

Näkemiin, Suomi!

Der letzte Morgen ruckt herein. Das Schrillen des Weckers reißt süße Träume in Stücke. Zertrümmerter Tiefschlaf, dessen Partikel immer noch als dunkle Glocke die Sinne umschwirren. Wirres Gleiten ins Bewusstsein. Tonnenschwer wiegen die Lider. Stark bleiben, nach dem Lichtschalter tasten, nicht zurückschlittern. In einer Dreiviertelstunde fährt der Bus zum Flughafen. Tampere liegt noch in finsterem Dämmer. Nur die Flutlichtstrahler am Dom mussten durchmachen, zerteilen die Dunkelheit unbeirrt mit ihren grellen Lichtkegeln und tauchen das Kirchenschiff in kaltes Licht. Müde Handballen reiben Krümel aus den Augenwinkeln. Träge schlurfe ich ins Bad, klatsche kristallklares Wasser ins Gesicht, das frisch die Wangen hinabperlt. Die Lebensgeister lassen noch auf sich warten, dösen weiter, sträuben sich, zurück zu kehren. Nur zaghaft, im Schneckentempo zerfasert der Nebel, der das Hirn noch in trübe Watte taucht.

Fußmarsch zum Bahnhof. Es riecht nach kaltem Staub und Linoleum. Die Schaufenster der Bestattungs-Unternehmen sind noch dunkel. Stoisch qualmt es aus den Schornsteinen der backsteinernen Fabrikgebäude in der Innenstadt. Die Industrie schläft nicht. Nur wenige kaltgefrorene Reifen rattern über das Kopfsteinpflaster in der Einkaufsstraße. Es ist noch zu früh und doch rechtzeitig. Wenige Minuten noch warten vor den düsteren Klinkern vom „Rautatieasema“, dem Bahnhof. Dann rumpelt der silbergraue Diesel des Busses vor, der mich mitten in die Birkenhaine vor der Stadt zum Flughafen bringen wird. Abschied nehmen, Adieu sagen, traute Umarmungen, schwere Seufzer, hoffnungsteure Blicke. Die Busfahrerpranken pfeffern Koffer in den Busbauch.
Abfahrt. Zurück durch das Industriegebiet, an leuchtreklamierten Wellblechkästen vorbei, über die breiten, von scharfkantigen Felsen flankierten Ausfallstraßen. Am Flughafen rauchen blasse Russinnen zwei Zigaretten gleichzeitig. Womögliches Auftanken für die rauchfreie Wartezeit im flachen, kleinen Terminal.

Schäfrige Gestalten schlurfen zum Einchecken. Gewicht wird gewogen, Handgepäck röntgenbestrahlt. Plastikstühle und wacklige Tische im Café, erster Stock. Kaffee: drei Euro. Mir gegenüber hockt sich ein schweigsamer Finne. Acht Uhr morgens. Zeit für die ersten zwei Bier. Matter Miene nippt er daran. Sagt kein Wort. Starrt durch alles hindurch. Ein schnauzbärtiger Engländer in speckiger Lederjacke schreibt seiner Geliebten auf seinem Laptop schweinische Kurznachrichten. Darling, ich will Dich lecken und nach allen Regelbrüchen der Kunst durchpimpern. Blickt sich stolz um, dass auch ja wer zusieht. Schließt sein Handy an. Aurora kriecht müde über die endlos scheinenden Birkenwipfel. Verschickt die Botschaften.

Es dröhnt metertief, der Boden bibbert, beginnt zu beben, Gläser klirren, Tassen klappern auf Untertassen. Eine alte Propellermaschine der Aeroflot senkt sich auf die Landebahn, rollt zum Nachbar-Terminal. Das Dröhnen ebbt ab. Sicher gelandet. Träge zerrinnen die letzten Minuten auf finnischem Boden. Meine Backenzähne zermalmen Lakritz-Schulkreide. Kleine Kinder gähnen. Noch zu müde, um herumzutoben. Ein Fratz verschüttet seinen Kakao. Die Schwester hat Schokoladenflecken im Gesicht. Mutter spuckt ins Taschentuch und wischt energisch um die Mundwinkel. Kind verzieht seine Mienen angewidert. Geschafft. Schokolade abgeschrubbt. Mutter zufrieden, Kind genervt.
Dann landet unsere Boeing. Betriebsame Eile. Forsche Vertreter lupfen ihre Online-Check-In-Bescheide. Hallo, ich werde bevorzugt. Lassen Sie mich durch, ich bin...

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Montag, Dezember 03, 2007

Besinnliches zum Advent

Eine der schönsten und eindringlichsten Cover-Versionen überhaupt. Sollte es jemanden geben, der das Original nicht kennt, hier entlang.

Donnerstag, November 29, 2007

Weakerthans live

Weihnachten ist in diesem Jahr musikalisch vorgezogen worden. Binnen vier Tagen zwei meiner absoluten Lieblingsbands live in Münster im Konzert erleben zu können - eine absolute Seltenheit. Und nach den famosen Okkervil River lieferten gestern die mindestens so großartigen Weakerthans im Skaters Palace ein traumhaftes, begeisterndes Set mit überbordender Spielfreude. Auch wenn der Schock tief saß, als John K. Samson & Co. nach kaum einer Stunde die Bühne das erste Mal verließen. Knappe anderthalb Stunden wurden es dank insgesamt sieben Zugaben noch, die das Publikum frenetisch einforderte. Ganz großes Tennis, ganz nah am Netz!

(Klick auf die Aufnahmen macht sie größer.)













Sollte irgendwer die fantastischen Herren noch nicht entdeckt haben: Hierhin spaziert!

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Mittwoch, November 28, 2007


Und plötzlich war da dieser Wasserhahn, der in den wolkenverhangenen Himmel wuchs.

Dienstag, November 27, 2007

Vergesslich?

Mann und Frau sitzen auf dem Wohnzimmersofa. Sie entfernt Flusen von ihrer Bluse, er hantiert mit der Fernseherfernbedienung, die scheinbar nicht mehr richtig funktioniert. Plötzlich blickt sie ihn an, und er unterbricht seine Fernbedienungsuntersuchung.

„Schatz?“
„Ja?“
„Weißt Du, ich weiß nicht…“
„Was weißt Du nicht, Hase?“
„Mit uns.“
„Was weißt Du nicht mit uns?“
„Ja, ich weiß nicht. Aber…“
„Ja?“
„Keine Ahnung.“
„Hm. Was meinst Du denn? Ist was nicht in Ordnung?“
„Nein. Oder… doch.“
„Was denn?“
„Ich weiß nicht. Schwer zu sagen.“
„Und woran merkst Du’s?“
„Du sagst gar nicht mehr, dass Du mich liebst.“
„Tue ich das nicht mehr?“
„Nein.“
„Ist mir gar nicht aufgefallen.“
„Mir aber.“
„Tur mir Leid. Muss ich wohl vergessen haben.“
„Du hast vergessen, dass Du mich liebst?“
„Ja. Nein! Ich habe wohl vergessen, es zu sagen.“
„Aber das vergisst man doch nicht. Sowas fühlt man.“
„Dann habe ich wohl vergessen zu fühlen.“
„Das heißt, Du fühlst nix mehr?“
„Doch. Sicher.“
„Aber man kann doch nicht vergessen zu fühlen?!“
„Keine Ahnung. War viel Arbeit in letzter Zeit. Da kommt man über das ein oder andere schon mal hinweg.“
„Liebst Du mich denn noch?“
„Ich denke doch schon. Mir ist nichts Gegenteiliges aufgefallen.“
„Heißt das ja oder nein?“
„Schatz?“
„Ja?“
„Weißt Du, ich weiß nicht.“

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Montag, November 26, 2007

Okkervil River

Ein unglaublich großartiges Konzert. Gestern abend im Gleis 22. Wer sie noch nicht für sich entdeckt haben sollte, kann hier die äußerst feinen Versionen aus den Daytrotter-Sessions kennen lernen. Auch Kennern dringend empfohlen!









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Sonntag, November 25, 2007

Storm is rising

Donnerstag, November 22, 2007

Wulnikowski und die Aversionen der Anderen

Er hatte schlechte Zähne, aber ein Herz für Tauben. Mochten andere doch fluchen über die flatternden, Krumen pickenden Stadtplagen, die mit ihrem scharfen Schiss die Gebäudesubstanz angreifen. Die zuhauf schmallippige Hausbesitzer veranlassen, Nagel-Leisten auf ihre Fensterbänke zu tackern, damit sich ja keins der Viecher niederlässt und den Sims verätzt. Anstatt dort Blumenkästen aufzustellen. Wie karg und trist doch solche Straßenzüge wirkten, in denen wenig blühte, aber rostige Nagelbetten die Fenster unterrahmten. Wulnikowski mochte Tauben. Er fütterte sie selten. Sie fütterten ihn ja auch nicht. Doch nie hatten sie ihm etwas getan. Waren freundlich zur Seite geflattert, wenn er durch ihren Pulk schlenderte. Hatten munter gegurrt, wie zum Gruße.

Und gerade die Geräusche, die sie hervorzauberten, waren es, was er an ihnen so liebte. Es ließ sich nicht verallgemeinern – sein Herz hing zuvorderst ja an Reptilien, die für sein Ohr beinahe lautlos durch ihr Dasein pirschten. Doch eines Abends, als er am Hafenkai saß und den Ladekränen dabei zusah, wie sie Container in Schiffsbäuche löschten, während die untergehende Sonne Blattgold auf die schwappenden Wogen tupfte, war ihm aufgegangen, dass seine Zuneigung zu bestimmten Tier-Gattungen in großem Maße davon abhing, welche Geräusche sie von sich gaben. Nicht dass irgendein Tier in der Nähe gewesen wäre. Aber urplötzlich sehnte er sich nach gackernden Hennen. Wieso? Das spontane Aufsprudeln von Sehnsüchten bleibt oft rätselhaft; deren Ursprung versteckt sich in dunklen, heimlichen Schatten..

Er liebte Katzen, wenn sie butterweich schnurrten. Ihr scharfes Fauchen hingegen war für ihn wie Nadelstiche hinter der Stirn. Beim Miauen hing es von der Melodie ab. Davon, ob es ein sanftes, zufriedenes oder aufmunterndes war, oder ob es in immer schnellerer Folge, fordernd, entrüstet, verärgert, drängelnd und von grundloser aber vorwurfsvoller Empörung getrieben auftauchte. Sein Herz schlug auch für brüllende Löwen und stoisch vor sich hin mähende, blökende Schafe. Meckernde Ziegen fand er indes grässlich. Auch das eitle, schrille Krähen von Hähnen war ihm ein Graus. Zumal die bevorzugte Uhrzeit, zu der die bunt gefiederten Gockel sich aufplusterten, um der Welt ihr „Kikeriki“ anzutun.

Doch seinen ersten Kuss hatte er erhalten, während auf dem von Seerosen überwucherten Dorftümpel hinter der Kirche drei Enten um die Wetter schnatterten. Bis heute fragte er sich, warum es ausgerechnet die schiefbusige Else hatte sein müssen, an deren Lippen er seine zärtlich drückte. Unbeholfen, mit wild pochendem Herzen. Sie hatte nach Senf geschmeckt und ihr Halstuch nach Mottenkugeln gerochen. Es war einfach passiert. Schattiger Ursprung. Doch eine wohlige Wärme flutete Wulnikowski seitdem jedes Mal, wenn er Enten-Geschnatter vernahm. „So viel man an Gottes Schöpfung kritisieren mag, bei der Erfindung der Tierlaute hat er erfrischenden Einfallsreichtum bewiesen“, dachte Wulnikowski, während er den Bürgersteig entlang schlenderte und ruckartig seinen Schritt zur Seite bog, um nicht in einen Hundehaufen zu stapfen. Sein Oberkiefer wupperte und pochte.

In welchen Tonarten Spatzen und Zeisige zwitschern konnten, Schweine grunzten und quiekten. Hunde kläfften, bellten und knurrten oder heulten in geschmeidigen Glissandi den Mond an. Wie rhythmisch Klapperschlangen klapperten und Spechte hackten. „Die Rhythmus-Gruppe im Orchester der Tiere“, dachte Wulnikowski. Brummende Bären und röhrende Hirsche und Elche würden die Bass-Partien übernehmen, zirpende Grillen zupften die Pizzicato-Passagen aus ihren Mandibeln. Und Mäuse? Würden sich knabbernd und raschelnd zusammen mit ein paar flatternden Eisvögeln in die Groove-Sektion eingliedern. „Satie hatte doch Recht“, dachte Wulnikowski. Und auch für Tauben fände sich ein schmucker Platz dort im bunt lärmenden Orchester. Wulnikowski erinnerte sich daran, wie lieblich ihn der muntere Gurr-Chor vor Notre-Dame in Paris umschwirrt hatte, wie lieblich das polyphone „Ruckediguh“ auf dem Markus-Platz in Venedig. Der Oberkiefer pochte immer noch. Und Wulnikowski fragte sich: „Was ist das Übel, das Tauben angeblich anrichten, verglichen mit einer Wurzelbehandlung?"

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Mittwoch, November 21, 2007

Falscher Fuffziger

Was die Macher geritten hat? Die Chance auf Quote. Vermutlich. Und das Publikum wird eingebunden und dergestalt gleich an den Bildschirm gebannt. Es will doch sehen, wo der eigene Liebling gelandet ist. Allem Anschein nach hat das ZDF endgültig der verabsolutierende Hierarchisierungs-Wahn gepackt. Wie viele Kulturphänomene sollen denn noch in Hunderter-Ranglisten gepfropft und mit Schein-Wertigkeiten versehen werden? Die 100 besten Erfinder, Deutschen, Literaten, Musiker, Orte... In der Rangliste der 100 unsinnigsten Ranglisten schafft es das ZDF ganz weit nach vorne. In meiner Abstimmung. Nun also die 50 besten Musikstars.

Allzu Kulturkonservatives ist meine Tasse Tee nicht. Und Sprüche wie "Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz" sind mir ein Greuel. Aber wenn Herbert Grönemeyer es schafft, großartigster deutscher Musiker aller Zeiten zu werden, wirft dies Fragen auf. Erstens: Woher wissen die Macher des ZDF, dass genau jetzt der Zeitpunkt ist, um für alle Zeiten etwas festzulegen? Zweitens: Entbindet Selbstbeteiligung des Publikums vom Bildungs-Auftrag? Drittens: Welche Befähigungen zur Beurteilung hat die Jury, das Publikum, jenseits der eigenen Präferenzen? Wie soll etwas absolutiert werden, was weitgehend unbekannt ist? Nur wer alle Musiker kennt und genau weiß, was den besten Musiker ausmacht, darf hier beurteilen. Eigentlich. Ein x-faches Ding der Unmöglichkeit. Niemand kennt alle, eindeutige Richtlinien sind nicht zu vereinbaren. Wäre auch schade. Die Vielfalt macht das Spannende. Trotzdem. Grönemeyer. Bitte! Eine solche Publikums-Entscheidung lässt mich am Publikum zweifeln. "Über 200.000 Menschen können nicht irren", sagt der Sender auf seiner Internet-Seite. Au contraire! Die Geschichte kennt für dieses Argument grausame Gegenbeispiele. Und selbst diese harmlose Rangliste widerlegt in meinen Augen klar das Postulat.

Currywurst-Herbert, gefolgt von Udo Jürgens... vor Beethoven? Vor Bach? Vor Schubert? Vor Mozart? Vor Brahms? Vor Schumann, Mendelssohn, Händel, Wagner, Strauss, Reger, Hindemith, Praetorius, Bruckner, Mahler, Weill? Nena zwischen Mozart und Beethoven auf Rang 5? DJ Bobo vor Bach? Tokio Hotel noch weit davor? Sarah Connor auch? Die Böhsen Onkelz, Toten Hosen und selbst Scooter vertreten? Ich weiß nicht. Auch auf dem Sektor der Pop- und Rockmusik fände ich zig Vertreter, hinter denen sich Herbert in meiner Wertschätzung einreihen müsste. Seien es Kettcar, Tomte, Samba, Tocotronic, die Ärzte, die Fantastischen Vier, vielleicht sogar Reinhard Mey und James Last. Nicht hingegen die Flippers, Juli, Tic Tac Toe, Wolle Petry, DJ Ötzi, das Naabtal Duo. Ich habe nichts gegen Herbert. Besitze selbst aus jungen Jahren noch ein paar Scheiben. Gern darf jeder mögen, was er mag. Aber leider beschleicht mich der Verdacht, dass viele nur allzu wenig kennen. Ihr Gedächtnis aber voller Inbrunst bejubeln. Was schnell eine Schieflage hervorpurzeln lässt. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, über als absolut hingestellte Urteile sich aber formidabel aufregen. Wie ich selbst gerade eingestehen muss. Mir liegt zu viel unterschiedlichste Musik am Herzen, ich muss mich nicht entscheiden, wen ich in der Hierarchie wem überordne. Die verschiedensten Komponisten, Bands und Musiker haben Platz nebeneinander, nicht übereinander. Aber bittschön, Herbert, lassen wir die Kirche doch mal im Dorf. Und das ZDF weitere Ranglisten bitte in der Schublade. Ich fürchte: Ein illusiorischer Wunsch.

P.S.: Wer ist Ute Freudenberg? Sie hat es immerhin auf Rang 36 geschafft.

Dienstag, November 20, 2007

Clevere Öl-Kruderien

Die kleinen Fältchen wölben sich vergnügt, wenn er schmunzelt. Auch wenn es ihm merklich ernst ist. Keine Frage. Verschmitzte Mienen zu unterdrücken, fällt ihm trotzdem schwer. Doch das hier ist kein Spaß. Oder? Ruppe Koselleck hat einen Plan, dessen perfider Witz und schlitzohrige Schläue sogar die Weltherrschafts-Experten Pinky und Brain erstaunt hätte. Nichts weniger als der Hauptanteils-Eigner der Aktien vom Öl-Multi "BP" will der Münsteraner Künstler werden. Mit Hilfe von Ölgemälden. Besonderen Ölgemälden. Rohöl-Gemälden. Sechs Jahre schon werkelt er für seine Vision.

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Auf Reisen sammelt er Öl-Reste an Stränden und verwandelt sie in Kunst. Bröselige Bitumen-Brocken, teerglitschige Flatschen, steinharte, hartzige oder knetgummiartige Klumpen. Zum Teil hat er die als kunstvolle "Teerarien" in schmucken Plastikgehäusen drapiert und verkauft. Auf straff gespannten Leinwänden malt er nun vor allem mit den rohen Erdöl-Klumpen. Der Clou ist der Preis: Jedes Strich-Geflirre, jeder Wischer eines Ölbrockens auf der Leinwand kostet den Gegenwert von zwei BP-Aktien - je nach tagesaktuellem Börsenkurs. Bei drei fein geschwungenen Ölklecksen, beispielsweise aus Kalifornien, Belfast und vom Peleponnes, kommen beispielsweise 6 Aktien zusammen. "Der Wert meiner Kunst rutscht so mit den Börsenkursen herauf und hinunter - je nach Nachfrage. Das Skurrile dabei ist: Der Kunstmarkt funktioniert fast genauso."

Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Mit etwas Glück wird er bald schon 500 Aktien von BP besitzen. Und wird in wahrscheinlich 267 Jahren seinen Traum erreicht haben. Mit Glück früher. Vielleicht auch knapp später. Langfristige Prognosen in Wirtschaftsfragen sind heikel. Doch wäre dies immerhin etwa 365 Jahre vor dem Erklingen des letzten Tons in John Cages Jahrhunderte überspannendem Orgel-Projekt im Halberstädter Dom. Ein Paar Ölbrocken wird er noch von Stränden klauben, eine Reihe Bilder wird er noch verkaufen müssen, um dafür neue Aktienpakete zu ergattern - gibt es doch 640 Millionen Aktien, wie er sagt. "Ab 20 Millionen werden sie bei BP mit mir reden."

Ruppe will an die Spitze. Wird sich auch als neuer Chef des Öl-Konzerns zur Wahl stellen, der sich noch sortiert nach dem Rücktritt von Lord John Browne, der den Ölkonzern BP immerhin innerhalb einer Dekade zum größten Unternehmen des United Kingdom mit einem Wert von 110 Milliarden Pfund verwandelt hatte. Der große Lord stolperte indes über seine Liebesaffäre mit einem jungen Kanadier.

Doch was macht Ruppe Koselleck, wenn er erst an der Konzernspitze sitzt? Liebe zu und mit Kanada würde vermutlich eher ein schattiges Plätzchen am Rande mit Blick auf bewaldete Hügelketten einnehmen. "Mir schwebt eine Kooperation mit dem ökologischen Institut in Freiburg vor", schnurrt er. Außerdem müsse das erst vor Kurzem neu entwickelte Logo dringend weg und verändert werden. Fast schon eine Prestige-Aufgabe für einen findigen Künstler. Weitere Pläne? Ausgeheckt, aber noch geheim. Wo bliebe sonst der Überraschungs-Effekt? Vorerst wird er weiter Klumpen klauben und mit rohem (krudem) Öl formschöne, sparsame Formen auf Leinwände wischen, um Aktien zu ergattern. Wenn er nicht gerade daran werkelt, mit 10.000 Modell-Autos die nobelsten Parkflächen am Berliner Ku-Damm vollzuparken. Oder weitere spinnerte Ideen durch's Hirn wuseln und sich schelmisch stechendes Haferstroh im Nacken bündelt. Der Anfang ist gemacht, vier oder fünf Schritte näher ist die Weltherrschaft schon gekommen. Bis zum 27. November hat er sein Planungs-Hauptquartier als Teil der "You Müst See"-Ausstellung im Foyer der Bezirksregierung Münster aufgeschlagen. Wer also in Öl und Visionen investieren möchte...